In fast jeder Familie mit mehreren Kindern gibt es Phasen, in denen ein Kind deutlich mehr Aufmerksamkeit bindet: wegen einer Krankheit, einer Schwierigkeit in der Schule, einer Behinderung, eines Temperaments oder einfach, weil es gerade dran ist.
Das lässt sich nicht vermeiden. Was sich vermeiden lässt, ist die Version, in der niemand darüber spricht – denn nach der Forschungslage schadet nicht die ungleiche Behandlung, sondern das Erleben von Willkür.
Dieser Beitrag beschreibt, was die Geschwister brauchen und wie man es benennt. Der Überblick steht unter Familie mit mehreren Kindern.
Warum das unvermeidlich ist
Ein Kind mit hohem Fieber bekommt mehr Aufmerksamkeit als seine Geschwister, und das ist richtig. Dasselbe gilt für ein Kind mit einer Lernschwierigkeit, für eines nach einem Unfall und für eines, das sich gerade sehr schwertut.
Die Forschung zur ungleichen Behandlung in Familien zeigt ohnehin, dass Unterschiede der Normalfall sind: Eine Auswertung aus 30 Arbeiten und 14 Datenbanken mit 19.469 Teilnehmenden findet klare Muster nach Geschlecht, Persönlichkeit und Geburtsposition.
Bedeutsam ist die Folge: Kinder, die sich benachteiligt sehen, berichten von schlechterer psychischer Gesundheit und angespannteren Familienbeziehungen. Entscheidend ist damit nicht der Unterschied, sondern sein Erleben.
Das unauffällige Kind
Der am häufigsten übersehene Punkt betrifft nicht das Kind, das mehr braucht, sondern das, das gerade keine Probleme macht. In Phasen der Belastung ist es genau dieses Kind, das jemanden braucht.
Der Mechanismus ist nachvollziehbar. Ein Kind, das spürt, dass die Familie belastet ist, macht sich unauffällig – und wird dafür nicht belohnt, sondern übersehen. Manche Kinder werden in solchen Zeiten auffällig brav.
Wirksam ist deshalb, gerade dieses Kind aktiv zu suchen. Die einfachste Prüfung ist die Frage, wann man das letzte Mal allein mit ihm war, ohne Zweck und ohne Termin.
Was den Geschwistern hilft
Drei Dinge wirken, und alle drei sind klein. Das erste ist verlässliche Zeit allein, mehrmals pro Woche, zehn bis fünfzehn Minuten – nicht mehr, aber tatsächlich stattfindend.
Das zweite ist Information. Kinder brauchen keine Einzelheiten über eine Diagnose, aber sie brauchen zu wissen, was passiert, wie lange es dauert und was sich für sie ändert.
Das dritte ist ein eigener Bereich, in dem das andere Thema nicht vorkommt. Ein Verein, eine Freundin, eine Großmutter – ein Ort, an dem ein Kind nicht das Geschwisterkind von jemandem ist.
| Was Geschwister brauchen | Wie es geht |
|---|---|
| Verlässliche eigene Zeit | 10 bis 15 Minuten, mehrmals pro Woche, im Kalender |
| Information | kurz, altersgerecht, mit Zeitangabe |
| Ein eigener Bereich | Verein, Freundschaften, Zeit bei Verwandten |
| Das Recht auf Unmut | Ärger über die Lage darf gesagt werden |
| Keine Erwachsenenrolle | Betreuungsaufgaben begrenzt und benannt |
| Eine verlässliche Zukunft | ein Zeitpunkt, an dem etwas anders wird |
Das Recht auf Unmut
Geschwister eines Kindes, das mehr braucht, entwickeln häufig Ärger – und ebenso häufig Schuldgefühle darüber. Diese Verbindung ist die eigentliche Belastung, und sie lässt sich auflösen.
Wirksam ist, den Ärger ausdrücklich zu erlauben. Ein Satz wie »Es ist in Ordnung, wenn dich das ärgert« nimmt dem Kind die zweite Last, nämlich die, dass es das nicht empfinden dürfte.
Ungünstig ist die Ermahnung zur Rücksicht. »Du musst verstehen, dass …« erzeugt Verständnis auf der Oberfläche und Ärger darunter, und der Ärger richtet sich dann auf das Geschwisterkind.
Wenn die Phase lange dauert
Bei einer Krankheit von zwei Wochen genügen Erklärung und Zuwendung. Bei einer chronischen Erkrankung, einer Behinderung oder einer langen Therapie braucht die Lage eine eigene Struktur.
Brauchbar ist, die Zeit für die Geschwister ebenso fest einzuplanen wie die Termine des betroffenen Kindes. Was im Kalender steht, findet statt; was gut gemeint ist, fällt zuerst aus.
Ebenso brauchbar ist die Verteilung auf mehrere Erwachsene. Großeltern, Paten, Freunde der Familie können in solchen Phasen genau das übernehmen, was Eltern gerade nicht leisten können – und das ist keine Auslagerung, sondern Entlastung für alle.
Was Geschwister nicht leisten sollen
Betreuungsaufgaben für Geschwister sind in Maßen sinnvoll und werden in belasteten Phasen leicht zu viel. Ein Kind, das regelmäßig für ein anderes zuständig ist, übernimmt eine Erwachsenenrolle.
Brauchbar ist eine klare Grenze: gelegentlich mithelfen ja, verantwortlich sein nein. Wer auf ein Geschwisterkind aufpasst, tut das für eine begrenzte Zeit und mit einem Erwachsenen in Reichweite.
Ebenso wichtig ist, Hilfe zu benennen statt sie vorauszusetzen. Ein Kind, dessen Mithilfe selbstverständlich geworden ist, erlebt sie irgendwann als Pflicht – und dann wird sie zum Teil des Ärgers.
Wie man mit dem betroffenen Kind umgeht
Auch das Kind, das mehr braucht, hat einen Nachteil in dieser Lage, und er wird selten gesehen: Es erlebt sich als der Grund für die Belastung der Familie.
Wirksam ist deshalb, die Sache nicht als Problem dieses Kindes zu behandeln, sondern als Aufgabe der Familie. »Wir machen das jetzt so« ist ein anderer Satz als »wegen dir müssen wir das jetzt so machen«.
Ebenso wirksam ist, dem betroffenen Kind Zeit zu geben, in der es nicht um seine Schwierigkeit geht. Auch dieses Kind braucht Exklusivzeit, und zwar eine ohne Übungen, Therapie und Termine.
Wann Unterstützung von außen sinnvoll ist
Wenn ein Geschwisterkind über Monate auffällig zurücktritt, wenn es in der Schule abfällt, wenn es sich aus Freundschaften zurückzieht oder wenn körperliche Beschwerden dazukommen, gehört das besprochen.
Zuständig sind die Kinderärztin und die schulpsychologische Beratung der Bildungsdirektion, die freiwillig, kostenlos und vertraulich ist. Daneben gibt es in Österreich Familienberatungsstellen und, bei chronischer Erkrankung eines Kindes, eigene Angebote für Geschwister.
Wichtig ist, danach zu fragen. Geschwisterangebote gibt es häufiger, als Eltern wissen, und sie werden fast nie von selbst angeboten – die Frage danach gehört in jedes Gespräch mit einer Beratungsstelle.
Angaben geprüft: September 2026. Beträge, Fristen und Empfehlungen werden jährlich nachgesehen.

