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Familie · Gefühle & Erziehung

Gefühle, Streit & Erziehung

Große Gefühle, Streit unter Geschwistern und Grenzen, die halten – ohne dass jemand bestraft werden muss.

Die 14 Beiträge zu diesem Thema

Darunter folgt der Überblick zum Thema.

Ein Kind sitzt mit angezogenen Knien und gesenktem Kopf am Boden vor dem Fenster, ein paar Schritte daneben hat sich ein Erwachsener im Schneidersitz auf den Teppich gesetzt.
Ein großes Gefühl braucht zuerst jemanden, der bleibt – erst danach ein Gespräch.

Kinder haben große Gefühle und wenig Mittel, mit ihnen umzugehen. Die Fähigkeit zur Regulation entwickelt sich erst über Jahre, und bis dahin übernehmen Erwachsene einen Teil davon – nicht als Gefälligkeit, sondern weil es anders nicht geht.

Daraus folgt das Meiste, was in diesem Bereich steht. Ein Kind im Wutanfall ist nicht unerzogen, sondern überfordert, und ein Streit unter Geschwistern ist nicht nur Belastung, sondern auch Übungsfeld.

Dieser Bereich sammelt, was bei Wut, Streit, Grenzen und Ausgrenzung hilft, samt der österreichischen Rechtslage dazu. Passende Geschichten stehen im Ratgeber unter Vorlesen & Leseförderung.

Wie Kinder lernen, mit Gefühlen umzugehen

Emotionsregulation ist keine Charaktereigenschaft, sondern eine Fähigkeit, die sich über Jahre entwickelt. Sie verlagert sich dabei schrittweise von außen nach innen: Zuerst beruhigt ein Erwachsener, später beruhigt sich das Kind selbst.

Die Fachliteratur beschreibt diesen Weg genau. Ab vier bis fünf Jahren begreifen Kinder, dass sich ihr Befinden nicht im Gesichtsausdruck zeigen muss, und ab etwa sechs Jahren können sie eine Situation neu bewerten und die Sicht anderer einbeziehen.

Für Eltern folgt daraus eine unbequeme Einsicht: Was bei einem Achtjährigen schon geht, geht bei einem Vierjährigen noch nicht, und keine Ermahnung beschleunigt diesen Weg. Was ihn beschleunigt, ist erlebte Ko-Regulation.

Die Entwicklung im Überblick

Die folgende Übersicht fasst zusammen, was Kinder in welchem Alter im Umgang mit Gefühlen leisten können und was Erwachsene dabei übernehmen müssen.

AlterWas das Kind schon kannWas Erwachsene übernehmen
2 bis 3 JahreReaktionen ansatzweise hemmenFast die gesamte Beruhigung
4 bis 5 JahreGefühl und Ausdruck trennenBenennen, begleiten, Situation entschärfen
ab 6 JahrenSituationen neu bewerten, Perspektiven einbeziehenBeim Sortieren helfen, nachbesprechen
7 bis 10 JahreStrategien bewusst einsetzenErinnern, üben, Vorbild sein
ab 10 JahrenMeist selbstständig regulierenAnsprechbar bleiben

Wut: im Moment und danach

Der häufigste Fehler im Umgang mit Wutanfällen ist der Versuch, mitten im Anfall zu erklären. Ein Kind, das gerade überflutet ist, hört nicht zu – nicht aus Trotz, sondern weil die Kapazität dafür fehlt.

Zu trennen sind deshalb zwei Phasen. Während des Anfalls geht es ausschließlich um Sicherheit und Anwesenheit: in der Nähe bleiben, wenig sprechen, nichts fordern. Erst danach lässt sich benennen, was passiert ist.

Wie sich beide Phasen konkret gestalten lassen, steht in Wutanfälle bei Kindern.

Alle Gefühle sind erlaubt, nicht jedes Verhalten

Diese Unterscheidung trägt fast den gesamten Bereich. Ein Kind darf wütend, eifersüchtig, traurig und neidisch sein – das sind keine Fehler, sondern Zustände. Was es mit diesen Gefühlen tut, ist eine andere Frage.

Praktisch heißt das, das Gefühl anzuerkennen und das Verhalten zu begrenzen, und zwar in einem Satz: „Du bist wütend, das verstehe ich. Hauen geht trotzdem nicht.“ Beides gehört zusammen, weil das eine ohne das andere nicht funktioniert.

Wer nur begrenzt, erzeugt ein Kind, das seine Gefühle für verboten hält. Wer nur anerkennt, erzeugt eines, das keine Grenzen kennt. Mehr dazu in Mit Kindern über Gefühle sprechen.

Ein Satz, zwei Teile. Zuerst das Gefühl benennen, dann das Verhalten begrenzen – in dieser Reihenfolge und ohne „aber“ dazwischen. „Du bist wütend, das verstehe ich. Hauen geht trotzdem nicht.“ Das Wort „aber“ löscht für Kinder den ersten Teil, „trotzdem“ nicht.

Grenzen ohne Strafe

In Österreich ist seit 1989 jede Form von Gewalt in der Erziehung verboten. § 137 ABGB formuliert das knapp: Die Anwendung jeglicher Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides sind unzulässig. Seit 2011 steht das Recht auf gewaltfreie Erziehung zusätzlich im Bundesverfassungsgesetz über Kinderrechte.

Ausdrücklich erfasst ist dabei auch seelisches Leid, also Demütigung, Drohung und Liebesentzug. Das ist für die Praxis der wichtigere Teil, weil er das betrifft, was in vielen Familien als normal gilt.

Grenzen bleiben davon unberührt – sie wirken ohnehin nicht durch Härte, sondern durch Verlässlichkeit. Wie sich das umsetzen lässt, steht in Grenzen setzen ohne Strafe.

Geschwisterstreit

Streit unter Geschwistern ist normal und für die Entwicklung nützlich. Kinder erwerben dabei Fähigkeiten, die sich anders kaum üben lassen: argumentieren, nachgeben, sich hineinversetzen, sich wieder vertragen.

Bemerkenswert ist ein Befund aus der Forschung: Kinder, die Konflikte vermeiden, fühlen sich besonders einsam und entwickeln eher soziale Ängste. Ein streitfreies Geschwisterpaar ist also nicht automatisch das bessere.

Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, wie sich Streit verhindern lässt, sondern wann eingegriffen gehört. Näheres in Geschwisterstreit.

Wenn ein Kind ausgegrenzt wird

Zu unterscheiden sind Streit und Mobbing, und der Unterschied ist keine Frage der Schwere. Das Bildungsministerium nennt vier Merkmale: Schädigungsabsicht, Wiederholung über längere Zeit, ein Machtungleichgewicht und die Hilflosigkeit der betroffenen Person.

Sind diese vier gegeben, hilft kein Gespräch unter Kindern mehr, weil das Machtgefälle genau das verhindert. Zuständig ist dann die Schule, und in Österreich gibt es dafür einen vorgesehenen Weg.

Wie dieser Weg aussieht und was Eltern besser nicht tun, steht in Mobbing in der Volksschule.

Was Geschichten dabei leisten

Bücher sind kein Erziehungsmittel, aber ein Umweg, der funktioniert. Über eine Figur lässt sich reden, ohne dass ein Kind sich selbst verteidigen muss – und genau das macht Gespräche möglich, die direkt nicht zustande kämen.

Wirksam ist dabei nicht die Moral am Ende, sondern die Situation dazwischen. Ein Kind, das miterlebt, wie eine Figur Angst hat und trotzdem weitergeht, zieht daraus mehr als aus jedem Hinweis, man müsse mutig sein.

Brauchbar sind vier Fragen nach dem Vorlesen: Was hätte dir dort Angst gemacht? Was hättest du gemacht? Wer war unfair? Kennst du so etwas? Sie lassen sich in zwei Minuten stellen und brauchen kein pädagogisches Konzept.

Angaben geprüft: September 2026. Beträge, Fristen und Empfehlungen werden jährlich nachgesehen.

Alle Beiträge zu diesem Thema 14

Häufige Fragen

Häufige Fragen zum Thema

Wie lernen Kinder, mit ihren Gefühlen umzugehen?
Emotionsregulation ist keine Charaktereigenschaft, sondern eine Fähigkeit, die sich über Jahre entwickelt – und sie verlagert sich dabei schrittweise von außen nach innen: Zuerst beruhigt ein Erwachsener, später beruhigt sich das Kind selbst. Die Fachliteratur beschreibt diesen Weg genau. Ab vier bis fünf Jahren begreifen Kinder, dass sich ihr Befinden nicht im Gesichtsausdruck zeigen muss, und ab etwa sechs Jahren können sie eine Situation neu bewerten und die Sicht anderer einbeziehen. Für Eltern folgt daraus eine unbequeme Einsicht: Was bei einem Achtjährigen schon geht, geht bei einem Vierjährigen noch nicht, und keine Ermahnung beschleunigt diesen Weg. Was ihn beschleunigt, ist erlebte Ko-Regulation. Gemeint ist damit kein Nachgeben, sondern die Erfahrung, dass ein Erwachsener in einem starken Gefühl anwesend bleibt, ohne selbst die Fassung zu verlieren.
Was hilft bei einem Wutanfall?
Zu trennen sind zwei Phasen, und der häufigste Fehler ist, sie zu vermischen. Während des Anfalls geht es ausschließlich um Sicherheit und Anwesenheit: in der Nähe bleiben, wenig sprechen, nichts fordern und nichts erklären. Ein Kind, das gerade überflutet ist, hört nicht zu – nicht aus Trotz, sondern weil die Kapazität dafür fehlt, und jeder Satz in dieser Phase verlängert den Anfall eher, als ihn zu beenden. Erst danach, wenn das Kind wieder ansprechbar ist, lässt sich benennen, was passiert ist, und überlegen, was beim nächsten Mal helfen könnte. Wichtig ist dabei, das Gefühl anzuerkennen und trotzdem beim Verhalten zu bleiben. Hilfreich ist außerdem, den Anfall nicht als Machtprobe zu lesen: Ein Kind, das schreit und tobt, gewinnt dabei nichts und will meistens auch nichts gewinnen – es kommt schlicht nicht mehr heraus und braucht jemanden, der dableibt.
Sind alle Gefühle bei Kindern erlaubt?
Ja – nicht jedes Verhalten. Diese Unterscheidung trägt fast den gesamten Bereich: Ein Kind darf wütend, eifersüchtig, traurig und neidisch sein, denn das sind keine Fehler, sondern Zustände. Was es mit diesen Gefühlen tut, ist eine andere Frage. Praktisch heißt das, beides in einem Satz zu verbinden: „Du bist wütend, das verstehe ich. Hauen geht trotzdem nicht.“ Die beiden Teile gehören zusammen, weil das eine ohne das andere nicht funktioniert. Wer nur begrenzt, erzeugt ein Kind, das seine Gefühle für verboten hält und sie versteckt; wer nur anerkennt, erzeugt eines, das keine Grenzen kennt. Die Verbindung beider Teile ist das eigentliche Handwerk. Für Eltern bedeutet das im Alltag wenig zusätzlichen Aufwand und eine deutliche Umstellung: Nicht das Gefühl wird kommentiert, sondern nur die Handlung. Die Verbindung beider Teile ist das eigentliche Handwerk.
Was sagt das österreichische Recht zur Erziehung?
In Österreich ist seit 1989 jede Form von Gewalt in der Erziehung verboten. § 137 ABGB formuliert das knapp: „Die Anwendung jeglicher Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides sind unzulässig.“ Österreich war damit das vierte Land weltweit mit einem solchen Verbot, nach Schweden, Finnland und Norwegen. Seit 2011 steht das Recht auf gewaltfreie Erziehung zusätzlich im Bundesverfassungsgesetz über Kinderrechte, dessen Artikel 5 körperliche Bestrafungen, die Zufügung seelischen Leides, sexuellen Missbrauch und andere Misshandlungen verbietet. Ausdrücklich erfasst ist damit auch seelisches Leid, also Demütigung, Drohung und Liebesentzug. Für die Praxis ist der Teil mit dem seelischen Leid der wichtigere, weil er Verhaltensweisen betrifft, die in vielen Familien als normal gelten und deshalb selten hinterfragt werden.
Sollen Eltern bei Geschwisterstreit eingreifen?
Nicht bei jedem Streit. Streit unter Geschwistern ist normal und für die Entwicklung nützlich, weil Kinder dabei Fähigkeiten erwerben, die sich anders kaum üben lassen: argumentieren, nachgeben, sich hineinversetzen, sich wieder vertragen. Bemerkenswert ist ein Befund aus der Forschung – Kinder, die Konflikte vermeiden, fühlen sich besonders einsam und entwickeln eher soziale Ängste. Ein streitfreies Geschwisterpaar ist also nicht automatisch das bessere. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, wie sich Streit verhindern lässt, sondern wann eingegriffen gehört: bei Gefahr, bei einem deutlichen Machtgefälle und dann, wenn ein Kind allein nicht mehr herauskommt. Bis dahin ist Zuschauen anstrengender, aber lehrreicher – für die Kinder ebenso wie für die Erwachsenen, die dabei merken, wie oft sich ein Streit ohne sie auflöst.
Was unterscheidet Mobbing von normalem Streit?
Der Unterschied ist keine Frage der Schwere, sondern der Struktur. Das Bildungsministerium nennt vier Merkmale, die zusammenkommen müssen: eine Schädigungsabsicht, also bewusste Verletzungshandlungen; die Wiederholung über längere Zeit; ein Machtungleichgewicht zu Ungunsten der betroffenen Person; und deren Hilflosigkeit, also das Gefühl, der Situation ausgeliefert zu sein. Sind diese vier gegeben, hilft ein Gespräch unter Kindern nicht mehr weiter, weil genau das Machtgefälle es verhindert. Zuständig ist dann die Schule, und in Österreich ist dafür ein Weg vorgesehen, der über die Lehrperson, die Direktion und die Schulpsychologie führt. Eltern ist dabei ausdrücklich abgeraten, direkt mit den mobbenden Kindern oder deren Eltern zu sprechen, weil sich die Lage dadurch in aller Regel verschärft. Ein Verdacht gehört deshalb früh angesprochen und nicht abgewartet.
Wie helfen Bücher bei Gefühlen und Konflikten?
Bücher sind kein Erziehungsmittel, aber ein Umweg, der funktioniert. Über eine Figur lässt sich reden, ohne dass ein Kind sich selbst verteidigen muss – und genau das macht Gespräche möglich, die direkt nicht zustande kämen. Wirksam ist dabei nicht die Moral am Ende, sondern die Situation dazwischen: Ein Kind, das miterlebt, wie eine Figur Angst hat und trotzdem weitergeht, zieht daraus mehr als aus jedem Hinweis, man müsse mutig sein. Brauchbar sind vier Fragen nach dem Vorlesen: Was hätte dir dort Angst gemacht? Was hättest du gemacht? Wer war unfair? Kennst du so etwas? Sie lassen sich in zwei Minuten stellen und brauchen kein Konzept. Entscheidend ist, die Fragen nicht in eine Prüfung zu verwandeln: Wenn ein Kind nicht antworten möchte, ist das ebenfalls eine Antwort. Zwei Minuten genügen, und kein pädagogisches Konzept ist nötig.
Was können Kinder in welchem Alter im Umgang mit Gefühlen?
Mit zwei bis drei Jahren können Kinder ihre Reaktionen erst ansatzweise hemmen, die Beruhigung übernehmen fast vollständig die Erwachsenen. Mit vier bis fünf Jahren begreifen sie, dass Gefühl und Ausdruck nicht dasselbe sind, und können den Gesichtsausdruck bewusst verstellen. Ab etwa sechs Jahren kommt die Fähigkeit dazu, eine Situation neu zu bewerten und andere Perspektiven einzubeziehen. Zwischen sieben und zehn setzen Kinder Strategien zunehmend bewusst ein, brauchen aber Erinnerung und Vorbild, und ab etwa zehn Jahren gelingt die Regulation meist selbstständig. Diese Abfolge lässt sich nicht beschleunigen, wohl aber begleiten. Was diese Abfolge vor allem leistet, ist Entlastung: Vieles, was Eltern als Erziehungsproblem erleben, ist schlicht ein Entwicklungsstand. Begleiten lässt sie sich sehr wohl, beschleunigen nicht.
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