Kinder haben große Gefühle und wenig Mittel, mit ihnen umzugehen. Die Fähigkeit zur Regulation entwickelt sich erst über Jahre, und bis dahin übernehmen Erwachsene einen Teil davon – nicht als Gefälligkeit, sondern weil es anders nicht geht.
Daraus folgt das Meiste, was in diesem Bereich steht. Ein Kind im Wutanfall ist nicht unerzogen, sondern überfordert, und ein Streit unter Geschwistern ist nicht nur Belastung, sondern auch Übungsfeld.
Dieser Bereich sammelt, was bei Wut, Streit, Grenzen und Ausgrenzung hilft, samt der österreichischen Rechtslage dazu. Passende Geschichten stehen im Ratgeber unter Vorlesen & Leseförderung.
Wie Kinder lernen, mit Gefühlen umzugehen
Emotionsregulation ist keine Charaktereigenschaft, sondern eine Fähigkeit, die sich über Jahre entwickelt. Sie verlagert sich dabei schrittweise von außen nach innen: Zuerst beruhigt ein Erwachsener, später beruhigt sich das Kind selbst.
Die Fachliteratur beschreibt diesen Weg genau. Ab vier bis fünf Jahren begreifen Kinder, dass sich ihr Befinden nicht im Gesichtsausdruck zeigen muss, und ab etwa sechs Jahren können sie eine Situation neu bewerten und die Sicht anderer einbeziehen.
Für Eltern folgt daraus eine unbequeme Einsicht: Was bei einem Achtjährigen schon geht, geht bei einem Vierjährigen noch nicht, und keine Ermahnung beschleunigt diesen Weg. Was ihn beschleunigt, ist erlebte Ko-Regulation.
Die Entwicklung im Überblick
Die folgende Übersicht fasst zusammen, was Kinder in welchem Alter im Umgang mit Gefühlen leisten können und was Erwachsene dabei übernehmen müssen.
| Alter | Was das Kind schon kann | Was Erwachsene übernehmen |
|---|---|---|
| 2 bis 3 Jahre | Reaktionen ansatzweise hemmen | Fast die gesamte Beruhigung |
| 4 bis 5 Jahre | Gefühl und Ausdruck trennen | Benennen, begleiten, Situation entschärfen |
| ab 6 Jahren | Situationen neu bewerten, Perspektiven einbeziehen | Beim Sortieren helfen, nachbesprechen |
| 7 bis 10 Jahre | Strategien bewusst einsetzen | Erinnern, üben, Vorbild sein |
| ab 10 Jahren | Meist selbstständig regulieren | Ansprechbar bleiben |
Wut: im Moment und danach
Der häufigste Fehler im Umgang mit Wutanfällen ist der Versuch, mitten im Anfall zu erklären. Ein Kind, das gerade überflutet ist, hört nicht zu – nicht aus Trotz, sondern weil die Kapazität dafür fehlt.
Zu trennen sind deshalb zwei Phasen. Während des Anfalls geht es ausschließlich um Sicherheit und Anwesenheit: in der Nähe bleiben, wenig sprechen, nichts fordern. Erst danach lässt sich benennen, was passiert ist.
Wie sich beide Phasen konkret gestalten lassen, steht in Wutanfälle bei Kindern.
Alle Gefühle sind erlaubt, nicht jedes Verhalten
Diese Unterscheidung trägt fast den gesamten Bereich. Ein Kind darf wütend, eifersüchtig, traurig und neidisch sein – das sind keine Fehler, sondern Zustände. Was es mit diesen Gefühlen tut, ist eine andere Frage.
Praktisch heißt das, das Gefühl anzuerkennen und das Verhalten zu begrenzen, und zwar in einem Satz: „Du bist wütend, das verstehe ich. Hauen geht trotzdem nicht.“ Beides gehört zusammen, weil das eine ohne das andere nicht funktioniert.
Wer nur begrenzt, erzeugt ein Kind, das seine Gefühle für verboten hält. Wer nur anerkennt, erzeugt eines, das keine Grenzen kennt. Mehr dazu in Mit Kindern über Gefühle sprechen.
Grenzen ohne Strafe
In Österreich ist seit 1989 jede Form von Gewalt in der Erziehung verboten. § 137 ABGB formuliert das knapp: Die Anwendung jeglicher Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides sind unzulässig. Seit 2011 steht das Recht auf gewaltfreie Erziehung zusätzlich im Bundesverfassungsgesetz über Kinderrechte.
Ausdrücklich erfasst ist dabei auch seelisches Leid, also Demütigung, Drohung und Liebesentzug. Das ist für die Praxis der wichtigere Teil, weil er das betrifft, was in vielen Familien als normal gilt.
Grenzen bleiben davon unberührt – sie wirken ohnehin nicht durch Härte, sondern durch Verlässlichkeit. Wie sich das umsetzen lässt, steht in Grenzen setzen ohne Strafe.
Geschwisterstreit
Streit unter Geschwistern ist normal und für die Entwicklung nützlich. Kinder erwerben dabei Fähigkeiten, die sich anders kaum üben lassen: argumentieren, nachgeben, sich hineinversetzen, sich wieder vertragen.
Bemerkenswert ist ein Befund aus der Forschung: Kinder, die Konflikte vermeiden, fühlen sich besonders einsam und entwickeln eher soziale Ängste. Ein streitfreies Geschwisterpaar ist also nicht automatisch das bessere.
Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, wie sich Streit verhindern lässt, sondern wann eingegriffen gehört. Näheres in Geschwisterstreit.
Wenn ein Kind ausgegrenzt wird
Zu unterscheiden sind Streit und Mobbing, und der Unterschied ist keine Frage der Schwere. Das Bildungsministerium nennt vier Merkmale: Schädigungsabsicht, Wiederholung über längere Zeit, ein Machtungleichgewicht und die Hilflosigkeit der betroffenen Person.
Sind diese vier gegeben, hilft kein Gespräch unter Kindern mehr, weil das Machtgefälle genau das verhindert. Zuständig ist dann die Schule, und in Österreich gibt es dafür einen vorgesehenen Weg.
Wie dieser Weg aussieht und was Eltern besser nicht tun, steht in Mobbing in der Volksschule.
Was Geschichten dabei leisten
Bücher sind kein Erziehungsmittel, aber ein Umweg, der funktioniert. Über eine Figur lässt sich reden, ohne dass ein Kind sich selbst verteidigen muss – und genau das macht Gespräche möglich, die direkt nicht zustande kämen.
Wirksam ist dabei nicht die Moral am Ende, sondern die Situation dazwischen. Ein Kind, das miterlebt, wie eine Figur Angst hat und trotzdem weitergeht, zieht daraus mehr als aus jedem Hinweis, man müsse mutig sein.
Brauchbar sind vier Fragen nach dem Vorlesen: Was hätte dir dort Angst gemacht? Was hättest du gemacht? Wer war unfair? Kennst du so etwas? Sie lassen sich in zwei Minuten stellen und brauchen kein pädagogisches Konzept.
Angaben geprüft: September 2026. Beträge, Fristen und Empfehlungen werden jährlich nachgesehen.
Alle Beiträge zu diesem Thema 14
- Mit Kindern über Gefühle sprechen Wer seine Gefühle versteht, kann besser mit ihnen umgehen.
- Kindern Mut machen Warum Drängen das Gegenteil bewirkt – und welche Sätze Kindern wirklich helfen.
- Freundschaft Kindern erklären Was echte Freundschaft ausmacht – und wie Kinder sie lernen.
- Wutanfälle bei Kindern Zwei Phasen, zwei völlig verschiedene Aufgaben – und der Fehler, sie zu vermischen.
- Grenzen setzen ohne Strafe Konkrete Sätze statt Prinzipien – und der Unterschied zwischen einer Folge und einer Strafe.
- Geschwisterstreit Wann eingreifen, wann nicht – und warum ein streitfreies Geschwisterpaar nicht das bessere ist.
- Mobbing in der Volksschule Woran man es erkennt, wie das Vorgehen mit der Schule aussieht – und welche zwei Schritte Eltern besser unterlassen.
- Loben – aber richtig Warum manches Lob die Ausdauer schwächt – und welche Sätze stattdessen wirken.
- Schüchterne Kinder begleiten Was Verhaltenshemmung ist, warum sie kein Erziehungsfehler ist – und was statt Drängen wirkt.
- Selbstwert stärken Drei Begriffe, die verwechselt werden – und die eine Erfahrung, auf die es ankommt.
- Warum Kinder lügen Lügen ist ein Entwicklungsschritt, nicht ein Charakterfehler – und der Umgang damit folgt daraus.
- Die Trotzphase Was im Kind vorgeht, wie lange es dauert – und welche Sätze im Moment tatsächlich helfen.
- Wenn Eltern vor den Kindern streiten Nicht der Streit schadet, sondern der ungelöste – und was das für die Versöhnung bedeutet.
- Nein sagen lernen Warum es Eltern schwerfällt, was ein gutes Nein ausmacht – und wie man es sagt, ohne zu verhandeln.
















