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Familie · Gefühle & Erziehung

Grenzen setzen ohne Strafe

Konkrete Sätze statt Prinzipien – und der Unterschied zwischen einer Folge und einer Strafe.

Ein Erwachsener geht im Vorraum auf ein Knie, sodass beide Köpfe auf gleicher Höhe sind, eine Hand liegt an der Schultasche des Kindes, die andere hält seine Hand; hinter ihnen steht die Haustür offen.
Eine Grenze wird ruhig gesagt und dann gehalten – nicht lauter wiederholt.

Grenzen wirken nicht durch Härte, sondern dadurch, dass sie verlässlich sind. Eine Regel, die immer gilt, braucht keine Lautstärke; eine, die von der Tagesform abhängt, wird dagegen bei jeder Gelegenheit neu geprüft.

Dazu kommt in Österreich ein klarer rechtlicher Rahmen. Seit 1989 ist jede Form von Gewalt in der Erziehung verboten, ausdrücklich auch die Zufügung seelischen Leides.

Dieser Beitrag beschreibt, wie Grenzen ohne Strafe funktionieren, mit konkreten Sätzen. Der Überblick über den ganzen Bereich steht unter Gefühle, Streit & Erziehung.

Was das Gesetz in Österreich sagt

Geregelt ist das in § 137 ABGB, und der Satz ist kurz: Die Anwendung jeglicher Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides sind unzulässig. In Kraft ist diese Bestimmung seit 1989; Österreich war damit das vierte Land weltweit nach Schweden, Finnland und Norwegen.

Seit 2011 kommt das Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern dazu. Artikel 5 verbietet körperliche Bestrafungen, die Zufügung seelischen Leides, sexuellen Missbrauch und andere Misshandlungen.

Für die Praxis ist der Teil mit dem seelischen Leid der wichtigere, weil er Verhaltensweisen betrifft, die in vielen Familien als normal gelten: Demütigung vor anderen, Drohungen und Liebesentzug.

Warum Härte nicht das Wirksame ist

Eine Grenze wirkt, weil sie berechenbar ist. Ein Kind, das weiß, dass etwas immer gilt, prüft es nach einigen Wochen nicht mehr – nicht aus Einsicht, sondern weil es sich nicht lohnt.

Umgekehrt erzeugt eine Regel, die von Stimmung, Uhrzeit oder Anwesenden abhängt, genau das Verhalten, das Eltern anstrengend finden: Sie wird getestet, und zwar jedes Mal, weil der Test sich manchmal auszahlt.

Lautstärke ist dabei kein Ersatz. Wer laut wird, signalisiert vor allem, dass die Grenze allein nicht trägt, und die nächste Auseinandersetzung beginnt eine Stufe höher.

Wenige Grenzen, die halten

Praktisch entscheidend ist die Zahl. Eine Familie mit fünf Regeln, die immer gelten, hat weniger Konflikte als eine mit dreißig, von denen die Hälfte nicht durchsetzbar ist.

Brauchbar ist deshalb ein Blick auf die eigenen Grenzen mit einer einzigen Frage: Bin ich bereit, das jedes Mal durchzuhalten? Was diese Frage nicht besteht, gehört gestrichen – nicht weil es unwichtig wäre, sondern weil eine nicht gehaltene Grenze schlechter ist als keine.

Übrig bleiben in den meisten Familien wenige Bereiche: Sicherheit, körperliche Unversehrtheit, Umgang miteinander, Schlafenszeit, Bildschirmzeit. Alles andere lässt sich verhandeln, und das ist kein Nachgeben, sondern Entlastung.

Die Prüffrage vor jeder neuen Regel. Bevor eine Grenze ausgesprochen wird: Halte ich sie auch am Freitagabend durch, wenn ich müde bin und Besuch da ist? Wenn nein, ist es keine Grenze, sondern ein Wunsch – und der gehört anders formuliert.

Folge oder Strafe

Der Unterschied ist der Bezug zur Sache. Eine Folge ergibt sich aus dem Verhalten und ist für ein Kind nachvollziehbar; eine Strafe wird hinzugefügt und hat mit der Handlung nichts zu tun.

Die folgende Übersicht stellt typische Situationen gegenüber.

SituationStrafeFolge mit Bezug
Milch absichtlich verschüttetFernsehverbotGemeinsam aufwischen
Spielzeug kaputt gemachtZimmerarrestDas Spielzeug ist weg, nicht sofort ersetzt
Geschwister gehauenTaschengeld gestrichenRaus aus der Situation, später Wiedergutmachung
Nicht aufgeräumtSchimpfenWas am Boden liegt, kommt für eine Woche in eine Kiste
Bildschirmzeit überzogenEine Woche VerbotMorgen entsprechend weniger
Abgemachtes nicht eingehaltenVorwurf über TageDie Abmachung wird neu und kleiner gefasst

Sätze, die funktionieren

Wirksame Sätze sind kurz, beschreiben das Verhalten statt das Kind und nennen, was stattdessen gilt. „Der Sessel ist zum Sitzen“ trägt weiter als „Wie oft soll ich es noch sagen“.

Nützlich ist außerdem, das Gefühl anzuerkennen und die Grenze trotzdem zu halten, und zwar in einem Satz: „Du willst noch weiterspielen, das verstehe ich. Wir gehen trotzdem jetzt.“ Das Wort „aber“ löscht für Kinder den ersten Teil, „trotzdem“ nicht.

Vermeiden lässt sich mit wenig Aufwand das Häufigste: Fragen, die keine sind. „Möchtest du jetzt die Zähne putzen?“ ist keine Frage, wenn nur eine Antwort zählt, und Kinder bemerken das sofort.

Was zuverlässig nicht wirkt

Angekündigte Folgen, die nicht eintreten, sind der wirksamste Weg, jede Grenze zu entwerten. Wer androht, den Ausflug abzusagen, und ihn dann doch macht, hat die nächste Ankündigung bereits erledigt.

Ebenso wenig wirkt Bestrafen im Affekt. Was mitten in einem Wutanfall angekündigt wird, kommt beim Kind nicht an und ist hinterher meist unverhältnismäßig – brauchbar ist, im Moment gar nichts anzukündigen.

Und drittens wirkt Liebesentzug nicht, sondern schadet. Der Satz „Dann mag ich dich auch nicht mehr“ fällt rechtlich unter die Zufügung seelischen Leides und trifft Kinder an der Stelle, an der sie am wenigsten geschützt sind.

Wenn beide Erwachsenen unterschiedlich streng sind

Vollständige Einigkeit ist weder nötig noch erreichbar. Kinder kommen gut damit zurecht, dass bei verschiedenen Personen Verschiedenes gilt – vorausgesetzt, es ist bei jeder Person berechenbar.

Problematisch wird es an zwei Stellen: wenn eine Grenze vor dem Kind zurückgenommen wird, und wenn ein Kind eine Entscheidung bei der zweiten Person noch einmal versucht. Beides lässt sich mit einer Absprache regeln – Uneinigkeit wird nicht vor dem Kind ausgetragen.

Brauchbar ist der Satz: „Mama hat entschieden, dabei bleibt es.“ Was daran zu ändern wäre, wird später und ohne Kind besprochen.

Wenn nichts mehr hilft

Es gibt Phasen, in denen der Alltag mit einem Kind zermürbend wird, und dafür gibt es Unterstützung. Zuständig sind in Österreich die Familien- und Erziehungsberatungsstellen der Bundesländer, die Kinder- und Jugendhilfe sowie die Kinder- und Jugendanwaltschaften.

Für Kinder und Jugendliche selbst ist „Rat auf Draht“ unter der Nummer 147 rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und anonym. Für Fragen, die die Schule betreffen, kommt die Schulpsychologie der Bildungsdirektion dazu.

Sich Hilfe zu holen ist dabei kein Eingeständnis. Erziehungsberatung ist ein Angebot für den Normalfall und nicht für den Ausnahmefall, und die meisten Fragen sind in zwei Gesprächen geklärt.

Angaben geprüft: September 2026. Beträge, Fristen und Empfehlungen werden jährlich nachgesehen.

Häufige Fragen

Häufige Fragen zum Thema

Ist Strafen in der Erziehung in Österreich erlaubt?
Gewalt ist es nicht. § 137 ABGB bestimmt seit 1989: „Die Anwendung jeglicher Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides sind unzulässig.“ Österreich war damit das vierte Land weltweit mit einem solchen Verbot, nach Schweden, Finnland und Norwegen. Seit 2011 kommt das Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern dazu, dessen Artikel 5 körperliche Bestrafungen, die Zufügung seelischen Leides, sexuellen Missbrauch und andere Misshandlungen verbietet. Für die Praxis ist der Teil mit dem seelischen Leid der wichtigere, weil er Verhaltensweisen betrifft, die in vielen Familien als normal gelten: Demütigung vor anderen, Drohungen und Liebesentzug. Grenzen selbst bleiben davon unberührt: Sie wirken ohnehin nicht durch Härte, sondern dadurch, dass sie verlässlich sind und nicht von der Tagesform abhängen.
Was ist der Unterschied zwischen einer Folge und einer Strafe?
Der Bezug zur Sache. Eine Folge ergibt sich aus dem Verhalten und ist für ein Kind nachvollziehbar; eine Strafe wird hinzugefügt und hat mit der Handlung nichts zu tun. Wer Milch absichtlich verschüttet, wischt sie gemeinsam auf – das ist eine Folge; Fernsehverbot dafür ist eine Strafe. Wer die Bildschirmzeit überzieht, hat morgen entsprechend weniger – das ist eine Folge; eine Woche Verbot ist eine Strafe. Der praktische Vorteil der Folge liegt darin, dass sie nicht erklärt werden muss und keine Machtfrage aufwirft. Sie ist außerdem leichter durchzuhalten, weil sie nicht größer ausfällt, als die Situation hergibt. Für Kinder ist eine Folge außerdem leichter anzunehmen, weil sie nicht nach Willkür aussieht, sondern nach einem Zusammenhang, den sie selbst nachvollziehen können. Sie ist zudem leichter durchzuhalten, weil sie nicht größer ausfällt, als die Situation hergibt.
Wie viele Regeln soll eine Familie haben?
So wenige wie möglich, und die dafür verlässlich. Eine Familie mit fünf Regeln, die immer gelten, hat weniger Konflikte als eine mit dreißig, von denen die Hälfte nicht durchsetzbar ist. Brauchbar ist ein Blick auf die eigenen Grenzen mit einer einzigen Prüffrage: Halte ich das auch am Freitagabend durch, wenn ich müde bin und Besuch da ist? Was diese Frage nicht besteht, gehört gestrichen – nicht weil es unwichtig wäre, sondern weil eine nicht gehaltene Grenze schlechter ist als gar keine. Übrig bleiben in den meisten Familien wenige Bereiche: Sicherheit, körperliche Unversehrtheit, Umgang miteinander, Schlafenszeit und Bildschirmzeit. Alles andere lässt sich verhandeln, und das ist kein Nachgeben, sondern Entlastung für beide Seiten – weniger Grenzen bedeuten weniger Gelegenheiten, sie zu testen. Eine nicht gehaltene Grenze ist schlechter als gar keine.
Welche Sätze helfen beim Grenzensetzen?
Wirksame Sätze sind kurz, beschreiben das Verhalten statt das Kind und nennen, was stattdessen gilt: „Der Sessel ist zum Sitzen“ trägt weiter als „Wie oft soll ich es noch sagen“. Nützlich ist außerdem, das Gefühl anzuerkennen und die Grenze trotzdem zu halten, und zwar in einem Satz – „Du willst noch weiterspielen, das verstehe ich. Wir gehen trotzdem jetzt.“ Dabei lohnt ein sprachliches Detail: Das Wort „aber“ löscht für Kinder den ersten Teil des Satzes, „trotzdem“ nicht. Vermeiden lässt sich mit wenig Aufwand das Häufigste, nämlich Fragen, die keine sind. „Möchtest du jetzt die Zähne putzen?“ ist keine Frage, wenn nur eine Antwort zählt. Kinder bemerken solche Scheinfragen sofort und ziehen daraus den richtigen Schluss, nämlich dass über die Sache noch geredet werden kann. Kurz, ruhig und einmal gesagt wirkt dabei besser als ausführlich und wiederholt.
Warum wirken Drohungen nicht?
Weil sie fast nie eingehalten werden. Angekündigte Folgen, die nicht eintreten, sind der wirksamste Weg, jede Grenze zu entwerten: Wer androht, den Ausflug abzusagen, und ihn dann doch macht, hat die nächste Ankündigung bereits erledigt. Ebenso wenig wirkt Bestrafen im Affekt – was mitten in einem Wutanfall angekündigt wird, kommt beim Kind nicht an und ist hinterher meist unverhältnismäßig. Brauchbar ist deshalb, im Moment gar nichts anzukündigen. Und drittens wirkt Liebesentzug nicht, sondern schadet: Der Satz „Dann mag ich dich auch nicht mehr“ fällt rechtlich unter die Zufügung seelischen Leides und trifft Kinder dort, wo sie am wenigsten geschützt sind. Wirksam ist stattdessen, nur anzukündigen, was man auch tatsächlich einhalten kann und will – lieber eine kleine Folge, die eintritt, als eine große, die verpufft.
Muss mein Kind eine Grenze gut finden?
Nein, und das ist eine der entlastendsten Einsichten in der Erziehung. Zustimmung ist nicht das Ziel – ein Kind darf mit einer Grenze unzufrieden sein, darf schimpfen, weinen und sie ungerecht finden, ohne dass sie deswegen falsch wäre. Wer auf Einverständnis wartet, verhandelt so lange, bis entweder die Grenze fällt oder beide Seiten erschöpft sind. Brauchbar ist stattdessen, das Unbehagen anzuerkennen und die Grenze zu halten: „Ich weiß, du findest das blöd. Es bleibt trotzdem dabei.“ Erklärt wird einmal und nicht fünfmal, denn die zweite und dritte Erklärung ist für Kinder ein Hinweis darauf, dass die Sache noch offen ist. Erklärt wird deshalb einmal und nicht fünfmal: Die zweite und dritte Erklärung ist für Kinder ein Hinweis darauf, dass die Sache noch offen ist. Brauchbar ist stattdessen, das Unbehagen anzuerkennen und die Grenze zu halten: „Ich weiß, du findest das blöd. Es bleibt trotzdem dabei.“
Was tun, wenn beide Eltern unterschiedlich streng sind?
Vollständige Einigkeit ist weder nötig noch erreichbar. Kinder kommen gut damit zurecht, dass bei verschiedenen Personen Verschiedenes gilt – vorausgesetzt, es ist bei jeder Person berechenbar. Problematisch wird es an zwei Stellen: wenn eine Grenze vor dem Kind zurückgenommen wird, und wenn ein Kind eine Entscheidung bei der zweiten Person noch einmal versucht und dort eine andere Antwort bekommt. Beides lässt sich mit einer einzigen Absprache regeln, nämlich dass Uneinigkeit nicht vor dem Kind ausgetragen wird. Brauchbar ist der Satz: „Mama hat entschieden, dabei bleibt es.“ Was daran zu ändern wäre, wird später und ohne Kind besprochen. So bleibt für das Kind berechenbar, was gilt, ohne dass die Erwachsenen sich auf eine gemeinsame Linie einigen müssten, die es ohnehin nicht gibt. Nachbesprochen wird ohne Kind, und geändert wird beim nächsten Mal.
Wo bekommen Eltern in Österreich Unterstützung?
Es gibt Phasen, in denen der Alltag mit einem Kind zermürbend wird, und dafür gibt es Anlaufstellen. Zuständig sind die Familien- und Erziehungsberatungsstellen der Bundesländer, die Kinder- und Jugendhilfe sowie die Kinder- und Jugendanwaltschaften. Für Kinder und Jugendliche selbst ist „Rat auf Draht“ unter der Nummer 147 rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und anonym. Für Fragen, die die Schule betreffen, kommt die Schulpsychologie der Bildungsdirektion dazu, deren Leistungen freiwillig, kostenlos und vertraulich sind. Sich Hilfe zu holen ist dabei kein Eingeständnis: Erziehungsberatung ist ein Angebot für den Normalfall, und die meisten Fragen sind in zwei Gesprächen geklärt. Die meisten Fragen sind dabei in zwei Gesprächen geklärt. Erziehungsberatung ist ein Angebot für den Normalfall und nicht für den Ausnahmefall, und wer früh hingeht, erspart sich Monate.
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