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Familie · Lesen lernen

Helfen Hörbücher beim Lesenlernen?

Die Antwort hängt davon ab, ob das Kind dabei ins Buch schaut.

Der Igel Igebitz und das Eichhörnchen Ellie sitzen im Gras vor einem hölzernen Trichterlautsprecher – Igebitz hält ein aufgeschlagenes Buch und fährt eine Zeile entlang, Ellie lehnt mit geschlossenen Augen daneben und hört nur zu.
Ein Hörbuch hilft beim Lesenlernen genau dann, wenn das Kind dabei ins Buch schaut.

Reines Zuhören macht kein Kind zum Leser – für die Lesetechnik bringt es nichts. Hört ein Kind aber ein Hörbuch und liest gleichzeitig im Buch mit, wird daraus ein anerkanntes Förderverfahren mit messbarer Wirkung auf die Leseflüssigkeit.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Situationen erklärt, warum die Antwort auf die Frage so widersprüchlich ausfällt, je nachdem, wen man fragt.

Dieser Beitrag trennt beides, beschreibt, was die Forschung hergibt und wo sie dünn ist, und wie sich das zu Hause umsetzen lässt. Der ganze Leseweg steht unter Lesen lernen.

Was ein Hörbuch leistet

Ein Hörbuch bringt einen Teil dessen mit, was auch Vorlesen bringt: Sprache über dem eigenen Leseniveau, längere Sätze, ungewohnte Wörter, Nebensätze und Rückblenden. Kinder verstehen Gehörtes über Jahre hinweg deutlich besser, als sie es lesen könnten.

Aufgebaut wird dabei genau das, was für spätere Texte gebraucht wird: Wortschatz und die Erfahrung, wie eine erzählte Geschichte aufgebaut ist. Ein Kind, das viele Geschichten gehört hat, erkennt in einem Buch schneller, worauf es hinausläuft.

Dazu kommt ein praktischer Nutzen. Hörbücher füllen Zeiten, in denen ohnehin niemand vorlesen würde – Autofahrten, Aufräumen, eine Krankheitswoche.

Was es nicht leistet

Nicht geübt wird beim Zuhören die Lesetechnik. Buchstaben zu Lauten verbinden, Wörter auf einen Blick erkennen, eine Zeile halten – nichts davon passiert, solange das Buch zugeklappt bleibt.

Ebenso wenig ersetzt ein Hörbuch das Vorlesen. Was fehlt, ist der andere Teil: die gemeinsame Zeit, die Fragen zwischendurch, das Gespräch über die Geschichte. Ein Kind mit Kopfhörern hört zu und ist dabei allein.

Für Familien, bei denen das Vorlesen aus dem Ablauf gefallen ist, ist das Hörbuch deshalb eine Erleichterung mit Preis. Mehr dazu in Vom Vorlesen zum Selberlesen.

Lesen durch Hören: das untersuchte Verfahren

Interessant wird es, wenn beides zusammenkommt. Beim simultanen Lesen und Hören liest ein Kind halblaut im Buch mit, während das Hörbuch läuft. Die Aufnahme dient als Lesemodell und gibt Tempo, Betonung und Sinnabschnitte vor.

Entwickelt hat dieses Vorgehen Steffen Gailberger an der Universität Lüneburg unter dem Namen „Lesen durch Hören“. Fachlich gehört es zu den Lautleseverfahren, also zu jener Gruppe von Methoden, die unter den erforschten die beste Wirkung auf die Leseflüssigkeit haben.

Der Wirkmechanismus ist plausibel: Das Kind bekommt ein flüssiges Vorbild und muss die Wörter trotzdem selbst am Schriftbild verfolgen. Es kann nicht raten, weil das Hörbuch weiterläuft, und es bleibt nicht stecken, weil es getragen wird.

Was die Befunde hergeben

Gailberger berichtet für das simultane Lesen und Hören erhebliche Zuwächse: Nach etwa sechs Wochen habe sich die Leseflüssigkeit in einem Ausmaß gesteigert, das dem Lernzuwachs von durchschnittlich zwei Schuljahren entspreche. Empfohlen werden mehrere Einheiten pro Woche über vier bis fünf Monate.

Jürgen Walter untersuchte das Verfahren 2017 in zwei Pilotstudien mit Volksschulkindern und fand unter bestimmten Bedingungen eine deutliche Verbesserung der Lesekompetenz, vor allem bei leseschwachen Kindern.

Zur Ehrlichkeit gehört die Einschränkung. Teile dieser Arbeiten hatten kein Kontrollgruppendesign, und welche Bestandteile des Verfahrens für den Erfolg verantwortlich sind, ist ungeklärt. Vielversprechend ist die Befundlage, gesichert ist sie nicht.

So setzt man es zu Hause ein

Gebraucht werden zwei Dinge: dasselbe Werk als Hörbuch und als gedrucktes Buch. Vorgelesene Fassungen ungekürzter Kinderbücher eignen sich besser als Hörspiele mit verteilten Rollen, weil dort der Text abweicht.

Die folgende Übersicht nennt die brauchbaren Einsatzformen und trennt sie nach Wirkung.

EinsatzformSo geht esWas es bringt
Nur hörenHörbuch läuft, Buch bleibt zuWortschatz, Sprachgefühl, Freude an Geschichten
Hören und mitlesenKind folgt halblaut im Buch, Hörbuch läuftLeseflüssigkeit, Tempo, Betonung – das eigentliche Verfahren
Erst hören, dann lesenKapitel zuerst hören, danach selbst lesenDer bekannte Inhalt nimmt dem Lesen die Hürde
AbwechselndEin Kapitel Hörbuch, eines selbst gelesenLängere Bücher werden erreichbar
Im AutoHörbuch ohne Buch, gemeinsam gehörtGesprächsstoff, wenn danach darüber geredet wird
Erst hören, dann dasselbe Kapitel selbst lesen. Das ist die einfachste Variante mit echtem Nutzen und braucht keine Absprache. Weil das Kind weiß, was kommt, muss es nicht raten, und die Wörter sind beim Lesen bereits im Ohr. Für Kinder, die sich vor dicken Büchern fürchten, ist das oft der Weg hinein.

Für welche Kinder es besonders taugt

Am stärksten profitieren nach der vorliegenden Forschung leseschwache Kinder, also jene, bei denen das Erlesen noch viel Kraft kostet. Für sie ist das Hörbuch das, was sonst ein geduldiger Erwachsener wäre: ein Modell, das nicht ungeduldig wird.

Gut geeignet ist das Verfahren außerdem für Kinder, die inhaltlich weit über ihrem Leseniveau liegen. Ein Zweitklässler, der sich für Vulkane begeistert, aber keinen Sachtext bewältigt, kommt über den Hörweg an Inhalte, die ihn wirklich interessieren.

Weniger nötig ist es bei Kindern, die bereits flüssig lesen. Dort wird das Hörbuch wieder zu dem, was es für Erwachsene auch ist: eine angenehme zweite Art, an Geschichten zu kommen.

Wie viel Hörbuch ist zu viel?

Eine feste Grenze gibt es nicht, wohl aber eine sinnvolle Reihenfolge. Problematisch wird es erst, wenn das Hörbuch die beiden anderen Formen verdrängt – das eigene Lesen am Nachmittag und das Vorlesen am Abend.

Brauchbar ist die Faustregel, das Hörbuch dort einzusetzen, wo sonst gar nichts gelesen würde. Solange die tägliche Leseeinheit und das Vorlesen bestehen bleiben, kommt es obendrauf und nimmt nichts weg.

Wo ein Kind allerdings beginnt, das eigene Lesen mit dem Hinweis abzulehnen, es könne sich die Geschichte auch anhören, ist der Punkt erreicht, an dem die Reihenfolge wieder geklärt gehört.

Welche Hörbücher sich eignen

Für das simultane Lesen und Hören braucht es eine ungekürzte Lesung, bei der der gesprochene Text exakt dem gedruckten entspricht. Hörspiele mit Musik, Geräuschen und verteilten Rollen sind unterhaltsamer, aber für diesen Zweck unbrauchbar.

Hilfreich ist außerdem ein ruhiges Sprechtempo. Manche Lesungen sind flott produziert, und ein Kind, das mitlesen soll, verliert den Anschluss – wo sich die Geschwindigkeit in der Wiedergabe verringern lässt, lohnt sich der Versuch.

Beim Inhalt gilt dieselbe Regel wie beim Vorlesen: Gehörte Bücher dürfen deutlich schwieriger sein als selbst gelesene. Für das Mitlesen allerdings sollte der Text nur wenig über dem eigenen Niveau liegen, sonst wird das Verfolgen im Buch unmöglich.

Angaben geprüft: September 2026. Beträge, Fristen und Empfehlungen werden jährlich nachgesehen.

Häufige Fragen

Häufige Fragen zum Thema

Helfen Hörbücher beim Lesenlernen?
Es kommt darauf an, ob das Buch dabei aufgeschlagen ist. Reines Zuhören übt die Lesetechnik nicht: Buchstaben zu Lauten verbinden, Wörter auf einen Blick erkennen, eine Zeile halten – nichts davon passiert, solange das Buch zugeklappt bleibt. Hört ein Kind dagegen ein Hörbuch und liest gleichzeitig halblaut im Buch mit, wird daraus ein anerkanntes Förderverfahren mit messbarer Wirkung auf die Leseflüssigkeit. Fachlich gehört das zu den Lautleseverfahren, also zu jener Gruppe von Methoden mit der besten Wirkung auf das flüssige Lesen. Der Unterschied zwischen diesen beiden Situationen erklärt, warum die Antwort auf die Frage je nach Gesprächspartner so widersprüchlich ausfällt. Für zu Hause heißt das: Wo ohnehin gehört wird, kostet das Aufschlagen des Buches nichts und bringt den Unterschied zwischen Unterhaltung und Übung.
Was bringt reines Zuhören?
Sprache. Ein Hörbuch bringt einen Teil dessen mit, was auch Vorlesen bringt: Wortschatz über dem eigenen Leseniveau, längere Sätze, ungewohnte Wörter, Nebensätze und Rückblenden. Kinder verstehen Gehörtes über Jahre hinweg deutlich besser, als sie es lesen könnten, und ein Kind, das viele Geschichten gehört hat, erkennt in einem Buch schneller, worauf es hinausläuft. Aufgebaut wird also genau das, was für spätere Texte gebraucht wird. Dazu kommt ein praktischer Nutzen: Hörbücher füllen Zeiten, in denen ohnehin niemand vorlesen würde – Autofahrten, Aufräumen, eine Krankheitswoche. Was nicht passiert, ist das Üben der Lesetechnik selbst. Gehörte Bücher dürfen dabei deutlich schwieriger sein als selbst gelesene, so wie vorgelesene auch – die Grenze liegt dort, wo ein Kind inhaltlich nicht mehr folgen kann, und nicht bei der Wortlänge.
Was ist „Lesen durch Hören“?
Beim simultanen Lesen und Hören liest ein Kind halblaut im Buch mit, während das Hörbuch läuft. Die Aufnahme dient als Lesemodell und gibt Tempo, Betonung und Sinnabschnitte vor. Entwickelt hat dieses Vorgehen Steffen Gailberger an der Universität Lüneburg unter dem Namen „Lesen durch Hören“. Der Wirkmechanismus ist plausibel: Das Kind bekommt ein flüssiges Vorbild und muss die Wörter trotzdem selbst am Schriftbild verfolgen. Es kann nicht raten, weil das Hörbuch weiterläuft, und es bleibt nicht stecken, weil es getragen wird. Gebraucht werden dafür zwei Dinge: dasselbe Werk als ungekürzte Lesung und als gedrucktes Buch, damit der gesprochene Text exakt dem gedruckten entspricht. Vorgelesene Fassungen ungekürzter Kinderbücher eignen sich dafür besser als Hörspiele mit verteilten Rollen, Musik und Geräuschen, weil bei diesen der Text vom gedruckten abweicht.
Wie gut ist die Wirkung belegt?
Vielversprechend, aber nicht gesichert. Gailberger berichtet für das simultane Lesen und Hören erhebliche Zuwächse: Nach etwa sechs Wochen habe sich die Leseflüssigkeit in einem Ausmaß gesteigert, das dem Lernzuwachs von durchschnittlich zwei Schuljahren entspreche. Jürgen Walter untersuchte das Verfahren 2017 in zwei Pilotstudien mit Volksschulkindern und fand unter bestimmten Bedingungen eine deutliche Verbesserung, vor allem bei leseschwachen Kindern. Zur Einordnung gehört die Einschränkung: Teile dieser Arbeiten hatten kein Kontrollgruppendesign, und welche Bestandteile des Verfahrens für den Erfolg verantwortlich sind, ist ungeklärt. Wer große Versprechen liest, sollte das mitdenken. Für Eltern bedeutet das weder Euphorie noch Ablehnung: Das Verfahren ist harmlos, kostet wenig und kann viel bringen – garantieren lässt sich der Zuwachs von zwei Schuljahren allerdings nicht.
Wie oft und wie lange sollte man mit Hörbuch üben?
Empfohlen werden mehrere Einheiten pro Woche über einen Zeitraum von vier bis fünf Monaten – es handelt sich also nicht um eine Maßnahme für zwei Wochen. Das entspricht dem, was für alle Lautleseverfahren gilt: Automatisierung entsteht aus Häufigkeit und nicht aus Dauer, und kurze regelmäßige Einheiten wirken stärker als seltene lange. Für zu Hause ist die praktikabelste Form, ein Kapitel zuerst zu hören und dasselbe Kapitel danach selbst zu lesen. Das braucht keine Absprache und keinen Plan, und weil das Kind weiß, was kommt, muss es nicht raten. Für Kinder, die sich vor dicken Büchern fürchten, ist genau das oft der Weg hinein. Wichtig ist außerdem die Reihenfolge: Das Hörbuch kommt zur täglichen Leseeinheit und zum Vorlesen dazu und ersetzt beides nicht. Wer mit einem Kind eine ganze Reihe auf diese Weise durchgeht, hat den empfohlenen Zeitraum von vier bis fünf Monaten ganz nebenbei erreicht.
Welche Hörbücher eignen sich zum Mitlesen?
Nur ungekürzte Lesungen, bei denen der gesprochene Text exakt dem gedruckten entspricht. Hörspiele mit Musik, Geräuschen und verteilten Rollen sind unterhaltsamer, für diesen Zweck aber unbrauchbar, weil der Text abweicht und das Mitlesen unmöglich wird. Hilfreich ist außerdem ein ruhiges Sprechtempo: Manche Lesungen sind flott produziert, und ein Kind, das mitlesen soll, verliert den Anschluss. Wo sich die Wiedergabegeschwindigkeit verringern lässt, lohnt sich der Versuch. Beim Schwierigkeitsgrad gilt eine Besonderheit: Gehörte Bücher dürfen sonst deutlich über dem eigenen Leseniveau liegen, für das Mitlesen aber nur wenig, sonst ist das Verfolgen im Buch nicht zu schaffen. Praktisch ist es, beides aus derselben Quelle zu nehmen – viele Verlage bieten zu ihren Kinderbüchern eine ungekürzte Lesung an, und in Büchereien lassen sich Buch und Hörbuch oft gemeinsam entlehnen.
Ersetzt ein Hörbuch das Vorlesen?
Nein. Was fehlt, ist der Teil, der sich nicht in Wortschatz messen lässt: die gemeinsame Zeit, die Fragen zwischendurch, das Gespräch über die Geschichte. Ein Kind mit Kopfhörern hört zu und ist dabei allein. Für Familien, bei denen das Vorlesen aus dem Abendablauf gefallen ist, ist das Hörbuch deshalb eine Erleichterung mit Preis. Brauchbar ist die Faustregel, das Hörbuch dort einzusetzen, wo sonst gar nichts gelesen würde: Solange die tägliche Leseeinheit und das vorgelesene Kapitel bestehen bleiben, kommt es obendrauf und nimmt nichts weg. Kritisch wird es erst, wenn ein Kind das eigene Lesen mit dem Hinweis ablehnt, es könne sich die Geschichte auch anhören. Dann gehört die Reihenfolge wieder geklärt, am besten ohne Verbot: Das Hörbuch gibt es, nachdem gelesen wurde, und nicht statt des Lesens. Solange die tägliche Leseeinheit bestehen bleibt, ist gegen ein Hörbuch am Abend nichts einzuwenden.
Für welche Kinder sind Hörbücher besonders sinnvoll?
Am stärksten profitieren nach der vorliegenden Forschung leseschwache Kinder, bei denen das Erlesen noch viel Kraft kostet. Für sie ist das Hörbuch das, was sonst ein geduldiger Erwachsener wäre: ein Lesemodell, das nicht ungeduldig wird und nicht seufzt. Gut geeignet ist das Verfahren außerdem für Kinder, die inhaltlich weit über ihrem Leseniveau liegen – ein Kind der zweiten Schulstufe, das sich für Vulkane begeistert, aber keinen Sachtext bewältigt, kommt über den Hörweg an Inhalte, die es wirklich interessieren. Weniger nötig ist es bei Kindern, die bereits flüssig lesen; dort wird das Hörbuch zu dem, was es für Erwachsene auch ist. Für flüssig lesende Kinder ist das Hörbuch damit keine Förderung mehr, sondern schlicht eine zweite Art, an Geschichten zu kommen – und das ist ein guter Grund für sich. Entscheidend bleibt in allen Fällen, dass das Buch beim Hören aufgeschlagen ist, wenn es um Förderung geht.
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