Selbstwert ist der Begriff, der in Elternratgebern am häufigsten vorkommt und am seltensten erklärt wird. Meist ist er eine Mischung aus drei verschiedenen Dingen, die sich unterschiedlich stärken lassen.
Die Unterscheidung lohnt sich, weil sie im Alltag zu unterschiedlichen Handlungen führt. Was Selbstwirksamkeit stärkt, stärkt nicht automatisch den Selbstwert – und umgekehrt.
Dieser Beitrag trennt die drei Begriffe und nennt, was für jeden davon wirkt. Der Überblick steht unter Gefühle, Streit & Erziehung.
Drei Begriffe, die verwechselt werden
Selbstwert ist die Überzeugung, wertvoll zu sein – unabhängig von Leistung. Selbstbewusstsein ist das Zutrauen in bestimmte Fähigkeiten. Selbstwirksamkeit ist die Erfahrung, dass eigenes Handeln etwas verändert.
Die drei entstehen auf verschiedenen Wegen. Selbstwert entsteht aus Zugehörigkeit und bedingungsloser Zuwendung; Selbstbewusstsein aus Können; Selbstwirksamkeit aus überstandenen Schwierigkeiten.
Verwechselt wird meist Selbstwert mit Selbstbewusstsein, und daraus folgt der häufigste Irrweg: Eltern versuchen, über Erfolge etwas zu stärken, das nicht von Erfolgen abhängt.
| Begriff | Was es ist | Woraus es entsteht |
|---|---|---|
| Selbstwert | Ich bin wertvoll, unabhängig von Leistung | Zugehörigkeit, bedingungslose Zuwendung |
| Selbstbewusstsein | Ich kann bestimmte Dinge | Können und Übung in konkreten Bereichen |
| Selbstwirksamkeit | Was ich tue, verändert etwas | Schwierigkeiten, die überstanden wurden |
Warum Lob den Selbstwert nicht stärkt
Lob ist eine Rückmeldung auf etwas, das ein Kind getan hat. Damit hängt es an der Leistung – und was an der Leistung hängt, kann den Selbstwert nicht tragen, weil Leistungen schwanken.
Noch ungünstiger wirkt Lob, das auf stabile Eigenschaften zielt. Ein Kind, das für seine Klugheit gelobt wird, hat bei der nächsten schweren Aufgabe ein Problem mit sich selbst und nicht mit der Aufgabe.
Brauchbar ist Lob dort, wo es Können beschreibt, also für das Selbstbewusstsein. Der Unterschied zwischen den Lobformen steht unter Loben – aber richtig.
Was Selbstwirksamkeit stärkt
Selbstwirksamkeit entsteht ausschließlich aus Erfahrung, und zwar aus einer bestimmten: etwas geschafft zu haben, das zunächst schwer war. Leichte Erfolge erzeugen sie nicht.
Praktisch heißt das, Kindern Aufgaben zu geben, bei denen ein Scheitern möglich ist und nicht schlimm. Ein Weg allein zum Bäcker, ein Anruf bei der Großmutter, eine Reparatur mit Werkzeug, ein Kuchen ohne Aufsicht.
Der häufigste Fehler ist die Hilfe zu früh. Wer eingreift, sobald es schwierig wird, nimmt genau jenen Teil weg, aus dem die Erfahrung entstanden wäre – und tut damit das Gegenteil des Gemeinten.
Aufgaben, die ein Kind schaffen kann
Wirksam sind Aufgaben in einem bestimmten Bereich: gerade zu schwer, um sie mühelos zu erledigen, und gerade leicht genug, um sie mit Anstrengung zu schaffen.
Zu leichte Aufgaben erzeugen nichts, weil ein Kind sofort merkt, dass sie nichts bedeuten. Zu schwere erzeugen das Gegenteil, weil das Scheitern nicht an der Anstrengung liegt.
Die praktische Regel lautet: Wenn ein Kind etwa drei von vier Versuchen schafft, ist die Aufgabe richtig gewählt. Bei vier von vier ist sie zu leicht, bei einem von vier zu schwer.
| Alter | Aufgaben, die tragen |
|---|---|
| 5 bis 6 Jahre | Sich allein anziehen, etwas allein bezahlen, ein Zimmer aufräumen |
| 7 bis 8 Jahre | Allein zur Nachbarin gehen, ein Butterbrot machen, etwas reparieren |
| 9 bis 10 Jahre | Allein einkaufen, telefonisch etwas ausrichten, ein Gericht kochen |
| 11 bis 12 Jahre | Mit dem Bus allein fahren, einen Termin selbst vereinbaren, etwas verkaufen |
Fehler aushalten
Ein Kind, dessen Fehler immer sofort ausgeglichen werden, lernt nicht, dass Fehler zu bewältigen sind. Genau diese Erfahrung ist der Kern der Selbstwirksamkeit.
Wirksam ist deshalb, kleine Folgen eintreten zu lassen: Die vergessenen Turnsachen werden nicht nachgebracht, das zerbrochene Glas wird gemeinsam aufgekehrt, die verpasste Freundin wird selbst angerufen.
Was dabei zählt, ist die Haltung dazu. Ein Fehler, der ohne Vorwurf bleibt und dessen Behebung dem Kind überlassen wird, ist eine Übung; einer, der kommentiert wird, ist eine Bewertung.
Was den Selbstwert beschädigt
An erster Stelle steht die Bedingung. Zuwendung, die an Verhalten geknüpft wird – »wenn du so bist, mag ich dich nicht« –, trifft genau die Stelle, an der Selbstwert entsteht.
An zweiter Stelle steht der Vergleich, besonders zwischen Geschwistern. Ein Kind, das sich benachteiligt sieht, berichtet von schlechterer psychischer Gesundheit; die Forschungslage dazu ist eindeutig.
An dritter Stelle stehen Rollenzuschreibungen. »Der Wilde«, »die Vernünftige«, »der Sensible« beschreiben Gewohnheiten, werden aber als Eigenschaften gehört, und ein Kind richtet sich darin ein.
Was Kinder über sich hören sollten
Wirksam sind Sätze, die nichts verlangen. »Ich bin froh, dass du da bist« ist ein anderer Satz als »ich bin stolz auf dich«, weil der erste nichts voraussetzt.
Ebenso wirksam ist das Erzählen. Kinder hören gern, wie sie als Baby waren, was sie zuerst gesagt haben, wie der Tag ihrer Geburt verlief – solche Geschichten sind Zugehörigkeit in erzählter Form.
Und es hilft, eigene Fehler zuzugeben. Ein Erwachsener, der sagt »Das war unfair von mir, entschuldige«, zeigt dem Kind, dass Wert und Fehlerlosigkeit zwei verschiedene Dinge sind.
Wann Hilfe von außen sinnvoll ist
Zu unterscheiden ist ein Kind, das sich manchmal schlecht findet, von einem, das das dauerhaft tut. Das Erste gehört zur Entwicklung, das Zweite nicht.
Aufmerksam wird man dort, wo Sätze über den eigenen Wert häufig und ohne Anlass kommen, wo ein Kind Aufgaben von vornherein meidet, wo es sich zurückzieht oder wo Schlaf und Appetit sich verändern.
Zuständig sind die Kinderärztin und die schulpsychologische Beratung der Bildungsdirektion, die freiwillig, kostenlos und vertraulich ist. Ein erstes Gespräch verpflichtet zu nichts.
Angaben geprüft: September 2026. Beträge, Fristen und Empfehlungen werden jährlich nachgesehen.

