Von einer Lese-Rechtschreibschwäche spricht man, wenn ein Kind beim Lesen und Schreiben deutlich hinter seinen übrigen Fähigkeiten zurückbleibt – und das über längere Zeit, obwohl regelmäßig geübt wird und der Unterricht passt.
Für Eltern ist der Verdacht schwer auszuhalten, weil zwischen erster Sorge und einer belastbaren Einschätzung oft Monate liegen. Gleichzeitig ist kaum ein Thema so voll mit Angeboten, die mit einer Diagnose arbeiten, ohne eine stellen zu dürfen.
Dieser Beitrag beschreibt die Anzeichen, den Weg zur Abklärung in Österreich und die Rolle der Schule. Er ersetzt keine Diagnose, sondern beschreibt den Weg dorthin – gestellt wird sie ausschließlich fachärztlich oder klinisch-psychologisch.
Was Legasthenie ist – und was nicht
Das Bildungsministerium beschreibt Legasthenie als Schwierigkeit beim Erlernen der Schriftsprache, die weder auf eine allgemeine Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung noch auf unzulänglichen Unterricht zurückgeführt werden kann. Kennzeichnend ist die Diskrepanz: der Abstand zwischen dieser einen Leistung und den übrigen Lern- und Leistungsmöglichkeiten des Kindes.
Gemeint ist damit ein Kind, das mündlich gut erzählt, logisch denkt, sich Dinge merkt – und beim Lesen und Schreiben trotzdem nicht vorankommt. Genau dieser Widerspruch ist das eigentliche Merkmal.
Nicht gemeint ist ein langsames Tempo für sich allein. Kinder lernen unterschiedlich schnell lesen, und zwischen zwei Kindern derselben Klasse können eineinhalb Jahre liegen, ohne dass eines von beiden eine Schwierigkeit hätte.
Erste Anzeichen in der Volksschule
Die folgenden Beobachtungen tauchen bei Kindern mit Lese-Rechtschreibschwierigkeiten gehäuft auf. Ein einzelnes davon bedeutet für sich genommen wenig; aussagekräftig wird das Bild, wenn mehrere zusammenkommen und über Monate bestehen bleiben.
| Beobachtung | Woran man es im Alltag merkt | Wie aussagekräftig |
|---|---|---|
| Keine Automatisierung | Ein Wort ist beim dritten Lesen genauso mühsam wie beim ersten | hoch |
| Stillstand über ein Schuljahr | Trotz regelmäßiger Übung verändert sich nichts | hoch |
| Scheitern an Fantasiewörtern | „Melut“ oder „Rapfen“ lassen sich nicht erraten und misslingen | hoch |
| Großer Abstand zum Mündlichen | Erzählt lebendig, liest und schreibt weit darunter | hoch |
| Dasselbe Wort verschieden geschrieben | In einem Text drei Schreibweisen desselben Wortes | mittel |
| Auslassen und Umstellen | Buchstaben fehlen oder tauschen den Platz | mittel |
| Vermeidung | Bauchweh vor der Leseeinheit, Ausweichen, Wut | mittel |
| Verwechseln von b/d oder p/q | Kommt bei fast allen Kindern anfangs vor | gering |
Was keine Anzeichen sind
Viele der im Internet kursierenden Merkmale gehören zum normalen Leseerwerb. Das Verwechseln von b und d, das Auslassen kleiner Wörter und das langsame Zusammenlauten kommen bei fast allen Kindern der ersten und zweiten Schulstufe vor und verschwinden von selbst.
Ebenso wenig aussagekräftig ist ein einzelner schlechter Test oder ein Vergleich mit einem Geschwisterkind. Kinder haben Phasen, und der Leseerwerb verläuft nicht gleichmäßig, sondern in Schüben mit langen Plateaus dazwischen.
Entscheidend ist deshalb nicht der Befund eines einzelnen Tages, sondern die Entwicklung über Monate. Wer unsicher ist, notiert einmal im Monat eine Leseminute mit Wortzahl und Fehlern – dieser Verlauf sagt mehr als jede Merkmalsliste.
Der Weg zur Abklärung in Österreich
Am Anfang steht das Gespräch mit der Lehrperson. Sie sieht das Kind täglich in der Gruppe und kann einordnen, wie weit es von der Klasse entfernt ist – eine Information, die Eltern zu Hause nicht haben.
Der zweite Schritt führt zur Schulpsychologie. Sie ist bei der Bildungsdirektion des jeweiligen Bundeslandes angesiedelt, und die Inanspruchnahme ihrer Leistungen ist freiwillig, kostenlos und vertraulich. Sie klärt ab, ordnet ein und verweist weiter, wo eine weiterführende Diagnostik nötig ist.
Eine Diagnose im medizinischen Sinn stellen ausschließlich Fachärztinnen und Fachärzte oder klinische Psychologinnen und Psychologen. Anbieter von Trainings und Kursen dürfen das nicht, auch wenn ihre Testbögen danach aussehen – ein Punkt, an dem Familien viel Geld verlieren können.
Was die Schule leisten muss
Grundlage ist das Rundschreiben Nr. 24/2021 des Bildungsministeriums, die Richtlinien für den Umgang mit Lese-/Rechtschreibschwierigkeiten. Es handelt sich dabei um verbindliche Richtlinien und nicht um Empfehlungen.
Festgehalten ist darin unter anderem, dass schriftliche Leistungsfeststellungen nicht ausschließlich nach Art und Anzahl der Rechtschreibfehler beurteilt werden dürfen. Der Deutschunterricht umfasst mehrere gleichwertige Bereiche – Sprechen, Lesen, Schreiben und Sprachbetrachtung –, und die Beurteilung hat das abzubilden.
Für höhere Schulstufen sieht das Ministerium außerdem den Einsatz zeitgemäßer Hilfsmittel zur Überprüfung der Schreibrichtigkeit vor.
Hilfestellungen und ausgleichende Maßnahmen
Anders als Deutschland kennt Österreich die Begriffe Nachteilsausgleich und Notenschutz rechtlich nicht. Unterschieden werden stattdessen zwei Arten von Unterstützung, und der Unterschied ist für Eltern der praktisch wichtigste Punkt des gesamten Themas.
Hilfestellungen sind pädagogische Maßnahmen und brauchen keine Diagnose. Dazu zählen etwa das Vorlesen von Aufgabenstellungen, ein größerer Schriftgrad, mehr Zeilenabstand oder technische Hilfsmittel. Sie können jederzeit mit der Lehrperson vereinbart werden.
Ausgleichende Maßnahmen greifen tiefer und setzen eine medizinische oder klinisch-psychologische Diagnose voraus. Dazu gehören Zeitzugaben, alternative Prüfungsformate oder die Möglichkeit, Rechtschreibfehler ganz oder teilweise unberücksichtigt zu lassen.
Warum es keinen sonderpädagogischen Förderbedarf gibt
Eine Feststellung, die viele Eltern überrascht: Teilleistungsschwächen wie Legasthenie und Dyskalkulie stellen laut Bildungsministerium keine Behinderung im Sinne des § 8 dar und sind damit keine Grundlage für einen sonderpädagogischen Förderbedarf.
Praktisch bedeutet das, dass ein Kind mit Legasthenie den Lehrplan der Volksschule erfüllt und nicht in einen anderen wechselt. Unterstützung kommt über die Förderung im Unterricht und über die beschriebenen Maßnahmen, nicht über einen eigenen Status.
Für Familien ist diese Einordnung entlastend und unbequem zugleich: entlastend, weil kein Sonderweg entsteht, unbequem, weil der Anspruch auf zusätzliche Ressourcen geringer ausfällt, als viele erwarten.
Was Eltern zu Hause tun – und was nicht
Sinnvoll bleibt genau das, was auch sonst wirkt: kurzes tägliches lautes Lesen mit einem deutlich zu leichten Text, wiederholt an mehreren Tagen, ohne Bewertung. Den Ablauf beschreibt Lesen üben ohne Streit.
Nicht sinnvoll ist, die Übungsmenge zu erhöhen. Wenn die Ursache nicht an der Menge liegt, ändert mehr Menge nichts – außer der Stimmung. Ebenso wenig hilfreich sind Trainings, die eine rasche Besserung versprechen, ohne dass eine Abklärung stattgefunden hat.
Wichtig ist außerdem, dem Kind die Einordnung zu geben, die es selbst nicht hat. Ein Kind mit Legasthenie erlebt täglich, dass es etwas nicht schafft, das anderen leichtfällt, und zieht daraus Schlüsse über sich. Die Information, dass es am Lesen liegt und nicht an seiner Klugheit, ist der wirksamste Beitrag von Eltern.
Angaben geprüft: September 2026. Beträge, Fristen und Empfehlungen werden jährlich nachgesehen.