Wenn ein Volksschulkind nicht gern liest, steckt meistens kein Motivationsproblem dahinter, sondern ein sehr praktisches: Lesen kostet noch zu viel Kraft. Niemand tut freiwillig etwas, das anstrengend ist und wenig zurückgibt.
Bevor man an der Lust ansetzt, lohnt es sich deshalb, die Ursache zu sortieren. Die meisten Fälle lassen sich einem von sieben Gründen zuordnen, und jeder davon braucht eine andere Antwort.
Dieser Beitrag geht sie in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit durch. Wie Lesen überhaupt entsteht und welche Stufen ein Kind durchläuft, steht unter Wie Kinder lesen lernen.
Grund 1: Es ist noch zu anstrengend
Bei weitem am häufigsten liegt es daran, dass das Lesen noch nicht automatisiert ist. Ein Kind, das jedes zweite Wort zusammenlauten muss, arbeitet beim Lesen einer halben Seite härter als ein Erwachsener bei einem ganzen Buch – und hat danach von der Geschichte nichts mitbekommen.
Erkennbar ist dieser Fall daran, dass das Kind beim lauten Lesen langsam, aber im Wesentlichen richtig liest und nach dem Lesen nicht sagen kann, worum es ging. Unlust ist hier die vernünftige Reaktion auf ein schlechtes Verhältnis von Aufwand und Ertrag.
Was hilft, ist nicht mehr Lesen, sondern leichteres Lesen: Texte weit unter dem Schulniveau, kurze Einheiten, gemeinsames lautes Lesen. Sobald das Erlesen weniger Kraft kostet, kommt das Interesse an der Geschichte von allein zurück.
Grund 2: Das Buch passt nicht
Der zweithäufigste Grund ist banal und wird trotzdem oft übersehen: Das Buch ist zu schwer, zu lang oder am Interesse des Kindes vorbei. Ein Erstleser, der ein Buch mit engem Satz und wenigen Bildern vorgelegt bekommt, schlägt es zu, bevor er angefangen hat.
Für die Schwierigkeit gibt es eine brauchbare Probe: Das Kind liest eine volle Seite, und für jedes Wort, das es nicht auf Anhieb schafft, wird ein Finger ausgestreckt. Zwei bis drei Finger bedeuten passend, fünf oder mehr bedeuten zu schwer.
Beim Thema gilt eine unbequeme Regel: Das Interesse des Kindes schlägt jede pädagogische Absicht. Ein Buch über Bagger, Fußball oder Schleim wird gelesen, ein preisgekröntes über Freundschaft womöglich nicht. Welche Bücher für welche Stufe taugen, steht im Ratgeber unter Erstlesebücher wählen.
Grund 3: Lesen ist mit Bewertung verknüpft
Sobald Lesen zur Prüfung wird, wird es gemieden. Verknüpft wird es dabei selten absichtlich: Es genügt, jeden Fehler zu verbessern, nach jedem Absatz den Inhalt abzufragen oder beim Zuhören hörbar auszuatmen.
Aus Sicht des Kindes ist Lesen dann eine Situation, in der es vorführen muss, was es noch nicht kann. Kinder erkennen das sehr früh und reagieren, wie Erwachsene auch reagieren würden – sie machen einen Bogen darum.
Wirksam ist an dieser Stelle eine klare Trennung: Die Schule bewertet, zu Hause wird nicht bewertet. Fehler werden entweder überhört oder still richtig wiederholt, ohne Kommentar. Wer diese Trennung durchhält, sieht die Wirkung meist innerhalb weniger Wochen.
Grund 4: Es gibt keine Zeit, in der Lesen dran ist
Lesen verliert jeden Wettbewerb um Aufmerksamkeit, den es führen muss. Gegen einen Bildschirm, gegen Geschwister im selben Raum, gegen den Terminkalender eines vollen Nachmittags hat ein Buch keine Chance, solange es nur die Option unter mehreren ist.
Hilfreich ist eine feste Zeit, die nicht verhandelt wird und die kurz genug ist, um sie einzuhalten: zehn Minuten, immer zur selben Gelegenheit, am besten gekoppelt an etwas, das ohnehin täglich passiert.
Zehn Minuten täglich wirken dabei deutlich stärker als eine lange Einheit am Wochenende, weil Automatisierung aus Häufigkeit entsteht und nicht aus Dauer. Wie sich das ohne Streit einrichten lässt, steht in Lesen üben ohne Streit.
Grund 5: Das Kind sieht niemanden lesen
Kinder halten für normal, was sie um sich herum sehen. In einem Haushalt, in dem Erwachsene abends nie ein Buch in der Hand haben, ist Lesen etwas, das in der Schule passiert – vergleichbar mit Rechnen.
Gemeint ist dabei nicht der Appell, mehr zu lesen, sondern die Sichtbarkeit: Ein Buch, das offen auf dem Tisch liegt, wirkt anders als eines im Regal, und zwanzig gelesene Minuten im selben Raum wirken anders als zwanzig im Bett nach dem Zubettgehen der Kinder.
Denselben Effekt hat es, über Gelesenes zu sprechen. Ein Satz beim Abendessen darüber, was man gerade liest, macht mehr Eindruck als jede Aufforderung, selbst zu lesen.
Grund 6: Es liest längst, nur nicht das Richtige
Manche Kinder gelten als Lesemuffel, obwohl sie täglich lesen: Comics, Sachbücher über Tiere, Fußballmagazine, Rezepte, Bauanleitungen, Untertitel. Nicht gezählt wird das, weil es nicht aussieht wie ein Roman.
Für den Leseerwerb macht die Textsorte jedoch kaum einen Unterschied. Was zählt, ist die Menge an gelesenen Wörtern, denn nur dadurch wächst der Bestand jener Wörter, die auf einen Blick erkannt werden.
Sinnvoll ist deshalb, den Begriff weit zu fassen und alles gelten zu lassen, was Buchstaben hat. Ein Kind, das ein Jahr lang nur Comics liest, liest danach flüssiger als eines, das ein Jahr lang widerwillig Romane angefangen hat.
Grund 7: Eine ungeklärte Lese-Schwierigkeit
Bleibt als letzter und seltenster Fall die Möglichkeit, dass mehr dahintersteckt. Ein Anhaltspunkt ist, wenn sich über ein ganzes Schuljahr hinweg trotz regelmäßiger Übung nichts verändert, wenn Wörter beim zweiten und dritten Lesen genauso mühsam bleiben wie beim ersten oder wenn ein Kind beginnt, das Lesen aktiv zu vermeiden.
Selten ist der Fall nicht: Bei der Lesestudie PIRLS 2021 zählten in Österreich 20 Prozent der Kinder der vierten Schulstufe zur Risikogruppe, deren Lesefähigkeit für den weiteren Schulweg nicht ausreicht.
Der Weg führt über die Lehrperson zur Schulpsychologie der Bildungsdirektion, deren Leistungen freiwillig, kostenlos und vertraulich sind. Näheres in Legasthenie und LRS in Österreich.
Welcher Grund es ist – eine Zuordnung
Die folgende Übersicht ordnet die üblichen Sätze von Kindern den dahinterliegenden Ursachen zu. Sie ersetzt keine Abklärung, hilft aber dabei, nicht an der falschen Stelle anzusetzen.
| Was das Kind sagt oder tut | Was oft dahintersteckt | Was hilft |
|---|---|---|
| „Das dauert so lang“ | Lesen ist noch nicht automatisiert | Leichtere Texte, kurz und täglich, gemeinsam laut |
| Schlägt das Buch nach zwei Seiten zu | Buch zu schwer oder falsches Thema | Fünf-Finger-Probe, Thema vom Kind wählen lassen |
| Wird beim Lesen wütend | Lesen ist mit Bewertung verknüpft | Zwei Wochen lang nichts verbessern |
| „Später“, und dann nie | Keine feste Zeit im Tagesablauf | Zehn Minuten, immer zur selben Gelegenheit |
| „Lesen ist für die Schule“ | Sieht zu Hause niemanden lesen | Sichtbar lesen, über Gelesenes sprechen |
| Liest Comics, aber „keine Bücher“ | Nur die Textsorte passt nicht ins Bild | Alles gelten lassen, was Buchstaben hat |
| Seit einem Jahr unverändert | Mögliche Lese-Schwierigkeit | Gespräch mit der Lehrperson, Schulpsychologie |
Angaben geprüft: September 2026. Beträge, Fristen und Empfehlungen werden jährlich nachgesehen.