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Familie · Lernen

Lerntypen gibt es nicht

Warum sich der Mythos hält – und was beim Lernen tatsächlich hilft.

Vier kleine Karten mit den Symbolen Ohr, Auge, Hand und Mund liegen flach auf einem Holztisch, dahinter steht beleuchtet ein aufgeschlagenes Heft.
Es gibt keine Lerntypen – aber es gibt Übungsformen, die zum Stoff passen.

Die Vorstellung ist bekannt: Manche Kinder lernen visuell, andere auditiv, wieder andere haptisch, und wer den richtigen Kanal trifft, lernt leichter. Die Bildungsforschung stützt das nicht – Unterricht an vermeintliche Lerntypen anzupassen hat keine nachweisbaren Effekte.

Bemerkenswert ist, wie verbreitet der Glaube daran trotzdem ist. Eine Übersicht über 37 Studien fand, dass im Mittel 89,1 Prozent der befragten Lehrkräfte annehmen, Unterricht solle an Lerntypen angepasst werden.

Dieser Beitrag beschreibt, was untersucht wurde, warum sich die Idee so hartnäckig hält und was stattdessen wirkt. Der Rahmen für den Nachmittag steht unter Lernen & Hausübung.

Was die Lerntypen-Idee behauptet

Die Annahme lautet, dass jeder Mensch einen bevorzugten Wahrnehmungskanal hat und über diesen Kanal besser lernt als über andere. Ein visueller Typ profitiere von Bildern, ein auditiver vom Zuhören, ein haptischer vom Anfassen.

Getestet wird diese Annahme in der Forschung als Frage nach der Passung: Lernen Menschen tatsächlich mehr, wenn die Darbietung zu ihrem zugeschriebenen Typ passt? Genau das ist der Punkt, an dem die Idee scheitert.

Zu unterscheiden ist sie von einer harmloseren Beobachtung: Vorlieben gibt es sehr wohl. Manche Menschen sehen sich lieber ein Video an, andere lesen lieber. Die Vorliebe ist real – sie sagt nur nichts darüber aus, womit jemand mehr lernt.

Was die Untersuchungen zeigen

Eine viel zitierte Untersuchung stammt von Beth Rogowsky und Kolleginnen aus dem Jahr 2015. Teilnehmende wurden als auditive oder visuelle Lerntypen eingestuft und erhielten denselben Inhalt entweder als Hörbuch oder als Text.

Ein Zusammenhang zwischen zugeschriebenem Typ und Leistung zeigte sich nicht, und die passende Darbietung brachte keinen Vorteil. Übersichtsarbeiten, unter anderem von Harold Pashler und Kollegen aus dem Jahr 2008, kommen zum selben Ergebnis: Es gibt keinen verlässlichen Beleg dafür, dass eine an den Lerntyp angepasste Vermittlung die Leistung verbessert.

Das Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung in Tübingen fasst den Stand knapp zusammen: Es hat keine lernförderlichen Effekte, Unterricht an vermeintliche Lerntypen anzupassen.

Warum die Idee trotzdem falsch sein muss

Neben den empirischen Befunden gibt es drei theoretische Einwände, die sich auch ohne Studie nachvollziehen lassen.

Erstens sind Vorlieben nicht stabil: Sie unterscheiden sich je nach Fach, Thema und Situation, sind also keine feste Eigenschaft einer Person. Zweitens ist Lernen nicht dasselbe wie Wahrnehmen – Gedächtnisinhalte werden zum größten Teil unabhängig davon gespeichert, über welchen Sinneskanal sie hereinkamen.

Drittens ist Lernen nicht dasselbe wie Behalten. Wer etwas verstanden hat, kann es anwenden und auf Neues übertragen, und dieser Vorgang hat mit dem Aufnahmekanal wenig zu tun.

Warum sich der Mythos so hartnäckig hält

Die Idee ist sympathisch, und das ist ihr größter Vorteil. Sie erklärt Unterschiede zwischen Kindern, ohne jemanden abzuwerten: Niemand ist schlechter, alle sind nur anders – eine angenehme Erzählung für Schule wie Elternhaus.

Dazu kommt, dass sie sich bestätigt anfühlt. Ein Kind, das gerne zeichnet und sich Dinge über Bilder merkt, wirkt wie ein Beleg, obwohl die Vorliebe nichts über die Lernwirkung aussagt.

Und schließlich ist sie leicht anwendbar. Ein Test mit zwölf Fragen, ein Ergebnis, eine Empfehlung – gegen diese Einfachheit hat die tatsächliche Antwort, die auf Unterrichtsqualität, Vorwissen und Motivation verweist, einen schweren Stand.

Den Satz „Ich bin halt ein visueller Typ“ nicht stehen lassen. Er klingt harmlos und wird schnell zur Ausrede für ganze Fächer. Brauchbar ist die Rückfrage, was das Kind bei dieser Aufgabe konkret versucht hat – und der Hinweis, dass jeder mehrere Wege braucht, weil kein Stoff sich mit einem einzigen bewältigen lässt.

Was die Festlegung auf einen Typ anrichtet

Harmlos ist der Mythos nicht. Ein Kind, dem gesagt wurde, es sei ein visueller Typ, hat einen Grund gefunden, warum ihm Zuhören nicht liegt – und übt es folglich nicht mehr.

Damit wird aus einer Beschreibung eine Begrenzung. Dasselbe gilt für Erwachsene, die aus derselben Zuschreibung ableiten, bestimmte Zugänge seien für ihr Kind ungeeignet, und die entsprechenden Wege gar nicht erst anbieten.

Problematisch ist außerdem der Zeitaufwand. Wer eine Vokabelliste aufwendig in Bilder übersetzt, weil das Kind als visueller Typ gilt, investiert Zeit, die in Wiederholung und Abfragen wirksamer angelegt wäre.

Was stattdessen wirkt

Wirksam ist nicht ein passend gewählter Kanal, sondern mehrere Darstellungsformen desselben Inhalts nebeneinander – hören und sehen und selbst tun, nicht eines davon. Die folgende Übersicht stellt Mythos und Befund gegenüber.

Verbreitete AnnahmeWas die Forschung sagtWas daraus für zu Hause folgt
Jedes Kind hat einen LerntypVorlieben ja, Lerntypen neinNicht festlegen, mehrere Wege anbieten
Passend dargeboten lernt man mehrKein Vorteil nachweisbarAufwand für „typgerechte“ Aufbereitung sparen
Lernen heißt aufnehmenLernen heißt verstehen und anwendenErklären lassen statt nur wiederholen
Ein Kanal genügtMehrere Darstellungsformen wirkenLesen, sprechen und aufschreiben kombinieren
Der Typ ist stabilVorlieben wechseln je nach FachBei jedem Stoff neu ausprobieren

Drei Dinge, die belegt helfen

Erstens klare Ziele: Ein Kind, das weiß, was es am Ende können soll, arbeitet gezielter als eines, das eine Seite abarbeitet. Der Unterschied zwischen „mach die Übung“ und „am Freitag kannst du diese zehn Wörter“ ist erheblich.

Zweitens Rückmeldung, und zwar zeitnah und konkret. Nützlich ist die Information, was schon sitzt und was nicht – nicht die Bewertung, ob es gut oder schlecht war.

Drittens Lernstrategien, die das Kind selbst anwenden kann: sich selbst abfragen, den Stoff jemandem erklären, über mehrere Tage verteilt wiederholen statt alles am Vorabend. Diese drei sind unspektakulär und wirken bei jedem Kind.

Woran man einen Lernmythos erkennt

Nützlich ist ein einfaches Prüfmuster, weil der Lerntypen-Mythos nicht der einzige seiner Art ist. Vorsicht ist geboten, wenn eine Behauptung Menschen in wenige feste Kategorien einteilt und daraus eine Empfehlung ableitet.

Ebenso verdächtig sind Aussagen, die auf das Gehirn verweisen, ohne eine Studie zu nennen – etwa die Rede von linker und rechter Gehirnhälfte oder davon, dass wir nur zehn Prozent unseres Gehirns nutzen. Beides ist ebenfalls unbelegt.

Ein drittes Muster ist das Versprechen einer einfachen Ursache für ein komplexes Problem. Lernerfolg hängt von Unterrichtsqualität, Vorwissen, Motivation und Übungsmenge ab, und keine dieser Größen lässt sich mit einem Test von zwölf Fragen erfassen.

Angaben geprüft: September 2026. Beträge, Fristen und Empfehlungen werden jährlich nachgesehen.

Häufige Fragen

Häufige Fragen zum Thema

Gibt es Lerntypen?
Nicht im populären Sinn. Die Annahme lautet, dass jeder Mensch einen bevorzugten Wahrnehmungskanal hat und über diesen besser lernt – visuell über Bilder, auditiv über Zuhören, haptisch über Anfassen. Untersucht wird das in der Forschung als Frage nach der Passung: Lernen Menschen mehr, wenn die Darbietung zum zugeschriebenen Typ passt? Genau daran scheitert die Idee. Zu unterscheiden ist sie von einer harmloseren Beobachtung, denn Vorlieben gibt es sehr wohl: Manche sehen sich lieber ein Video an, andere lesen lieber. Die Vorliebe ist real und sagt nur nichts darüber aus, womit jemand tatsächlich mehr lernt. Das Hector-Institut in Tübingen fasst den Stand knapp zusammen: Es hat keine lernförderlichen Effekte, Unterricht an vermeintliche Lerntypen anzupassen. Widerlegt ist damit nicht die Vorliebe, sondern die Schlussfolgerung daraus.
Welche Studien widerlegen die Lerntypen?
Viel zitiert wird eine Untersuchung von Beth Rogowsky und Kolleginnen aus dem Jahr 2015: Teilnehmende wurden als auditive oder visuelle Lerntypen eingestuft und erhielten denselben Inhalt entweder als Hörbuch oder als Text. Ein Zusammenhang zwischen zugeschriebenem Typ und Leistung zeigte sich nicht, und die passende Darbietung brachte keinen Vorteil. Übersichtsarbeiten, unter anderem von Harold Pashler und Kollegen aus dem Jahr 2008, kommen zum selben Ergebnis: Es gibt keinen verlässlichen Beleg dafür, dass eine an den Lerntyp angepasste Vermittlung die Leistung verbessert. Bemerkenswert ist die Verbreitung des Glaubens daran – eine Übersicht über 37 Studien fand im Mittel 89,1 Prozent Zustimmung unter den befragten Lehrkräften. Dazu kommen theoretische Einwände: Vorlieben sind nicht stabil, sondern wechseln je nach Fach und Situation, und Gedächtnisinhalte werden weitgehend unabhängig davon gespeichert, über welchen Sinneskanal sie hereinkamen.
Warum hält sich der Lerntypen-Mythos so hartnäckig?
Weil die Idee sympathisch ist, und das ist ihr größter Vorteil. Sie erklärt Unterschiede zwischen Kindern, ohne jemanden abzuwerten: Niemand ist schlechter, alle sind nur anders – eine angenehme Erzählung für Schule wie Elternhaus. Dazu kommt, dass sie sich bestätigt anfühlt: Ein Kind, das gerne zeichnet und sich Dinge über Bilder merkt, wirkt wie ein Beleg, obwohl die Vorliebe nichts über die Lernwirkung aussagt. Und schließlich ist sie leicht anwendbar – ein Test mit zwölf Fragen, ein Ergebnis, eine Empfehlung. Gegen diese Einfachheit hat die tatsächliche Antwort, die auf Unterrichtsqualität, Vorwissen und Motivation verweist, einen schweren Stand. Für Familien ist der praktische Schluss daraus unaufgeregt: Vorlieben ernst nehmen, aber keine Kategorie daraus machen und bei jedem neuen Stoff mehrere Wege anbieten, statt sich auf einen festzulegen.
Schadet es, ein Kind auf einen Lerntyp festzulegen?
Harmlos ist es nicht. Ein Kind, dem gesagt wurde, es sei ein visueller Typ, hat einen Grund gefunden, warum ihm Zuhören nicht liegt – und übt es folglich nicht mehr. Aus einer Beschreibung wird damit eine Begrenzung, und dasselbe gilt für Erwachsene, die aus der Zuschreibung ableiten, bestimmte Zugänge seien für ihr Kind ungeeignet, und die entsprechenden Wege gar nicht erst anbieten. Problematisch ist außerdem der Zeitaufwand: Wer eine Vokabelliste aufwendig in Bilder übersetzt, weil das Kind als visueller Typ gilt, investiert Zeit, die in Wiederholung und Selbstabfragen deutlich wirksamer angelegt wäre. Brauchbar ist deshalb, den Satz „Ich bin halt ein visueller Typ“ nicht stehen zu lassen. Brauchbar ist stattdessen die Rückfrage, was das Kind bei dieser konkreten Aufgabe versucht hat, und der Hinweis, dass jeder mehrere Wege braucht, weil sich kein Stoff mit einem einzigen bewältigen lässt.
Was hilft beim Lernen tatsächlich?
Drei Dinge, und alle sind unspektakulär. Erstens klare Ziele: Ein Kind, das weiß, was es am Ende können soll, arbeitet gezielter als eines, das eine Seite abarbeitet – der Unterschied zwischen „mach die Übung“ und „am Freitag kannst du diese zehn Wörter“ ist erheblich. Zweitens Rückmeldung, und zwar zeitnah und konkret: nützlich ist die Information, was schon sitzt und was nicht, nicht die Bewertung, ob es gut oder schlecht war. Drittens Lernstrategien, die das Kind selbst anwenden kann – sich selbst abfragen, den Stoff jemandem erklären, über mehrere Tage verteilt wiederholen statt alles am Vorabend. Wirksam sind außerdem mehrere Darstellungsformen desselben Inhalts nebeneinander. Wirksam ist dabei nicht ein passend gewählter Kanal, sondern die Kombination: hören und sehen und selbst tun, nicht eines davon. Ein Stoff, den ein Kind gelesen, laut erklärt und aufgeschrieben hat, sitzt besser als einer, der dreimal gelesen wurde.
Was ist mit Vorlieben – sind die auch erfunden?
Nein, Vorlieben sind real und gut beobachtbar. Manche Kinder sehen sich lieber ein Video an, andere lesen lieber, wieder andere wollen etwas in die Hand nehmen. Widerlegt ist nicht die Vorliebe, sondern die Schlussfolgerung daraus: dass jemand über den bevorzugten Kanal mehr lernt. Dazu kommt ein weiterer Einwand – Vorlieben sind gar nicht stabil, sondern unterscheiden sich je nach Fach, Thema und Situation, sind also keine feste Eigenschaft einer Person. Praktisch heißt das, Vorlieben ernst zu nehmen, ohne daraus eine Kategorie zu machen: Ein Kind darf gern zeichnend lernen, sollte aber nicht davon ausgehen, dass Zuhören für es nicht funktioniert. Für den Alltag heißt das auch, die eigene Erwartung zu prüfen: Dass ein Kind eine Sache lieber tut, bedeutet nicht, dass die andere für es ungeeignet wäre – es bedeutet meist nur, dass sie mehr Mühe macht.
Wie erkenne ich einen Lernmythos?
Nützlich ist ein einfaches Prüfmuster, weil der Lerntypen-Mythos nicht der einzige seiner Art ist. Vorsicht ist geboten, wenn eine Behauptung Menschen in wenige feste Kategorien einteilt und daraus eine Empfehlung ableitet. Ebenso verdächtig sind Aussagen, die auf das Gehirn verweisen, ohne eine Studie zu nennen – etwa die Rede von linker und rechter Gehirnhälfte oder davon, dass wir nur zehn Prozent unseres Gehirns nutzen; beides ist ebenfalls unbelegt. Ein drittes Muster ist das Versprechen einer einfachen Ursache für ein komplexes Problem. Lernerfolg hängt von Unterrichtsqualität, Vorwissen, Motivation und Übungsmenge ab, und keine dieser Größen erfasst ein Test mit zwölf Fragen. Wer diese drei Muster kennt, kommt bei den meisten Versprechen aus dem Lernmarkt erstaunlich weit, ohne eine einzige Studie nachschlagen zu müssen.
Soll ich die Lehrperson darauf ansprechen?
Nur, wenn es einen konkreten Anlass gibt, und dann sachlich. Da im Mittel 89,1 Prozent der befragten Lehrkräfte an Lerntypen glauben, ist die Annahme im Schulalltag weit verbreitet und in aller Regel gut gemeint – ein Streit darüber bringt einem einzelnen Kind wenig. Sinnvoll ist das Gespräch dort, wo aus der Zuschreibung eine Einschränkung geworden ist, etwa wenn ein Kind bestimmte Aufgabenformen mit Verweis auf seinen Typ nicht mehr angeht. Brauchbar ist dann die Frage, wie sich der Stoff auf mehreren Wegen anbieten lässt, statt der Hinweis, die Lehrperson liege falsch. Zu Hause genügt es ohnehin, selbst mehrere Wege anzubieten. Ein Streit über die Theorie bringt einem einzelnen Kind wenig, ein konkretes Beispiel dagegen viel – etwa der Hinweis, dass dieselbe Aufgabe mündlich erklärt deutlich besser funktioniert hat.
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