Drei Zugänge prägen den Leseunterricht: die Fibelmethode mit fester Buchstabenreihenfolge, „Lesen durch Schreiben“ mit der Anlauttabelle und der Spracherfahrungsansatz mit freiem Schreiben. Die Silbenmethode steht quer dazu und lässt sich mit jedem kombinieren.
Über kaum ein Thema wird im Volksschulbereich so erbittert gestritten, meist mit wenig Sachkenntnis auf beiden Seiten. Eltern erfahren davon oft erst, wenn ihr Kind „Libe Mamma“ schreibt und niemand es verbessert.
Dieser Beitrag beschreibt, was jede Methode tut, was die Forschung hergibt und was Eltern daraus für zu Hause ableiten können. Wie Lesen überhaupt entsteht, steht unter Wie Kinder lesen lernen.
Die Fibelmethode
Bei der Fibelmethode werden Buchstaben in einer festgelegten Reihenfolge eingeführt, beginnend mit solchen, die sich gut verbinden lassen. Geschrieben und gelesen wird nur, was schon eingeführt wurde; Wörter und Texte im Lehrbuch bestehen ausschließlich aus bekannten Buchstaben.
Der Vorteil liegt in der Kontrolle. Ein Kind produziert von Anfang an weitgehend korrekte Schreibungen, und die Lehrperson weiß jederzeit, was bereits sitzen müsste.
Der Nachteil ist die Enge. Ein Kind, das schon mehr kann, wird gebremst, und die ersten Texte sind zwangsläufig inhaltlich mager – „Mimi malt“ ist kein Stoff, für den man lesen lernen möchte.
Lesen durch Schreiben und die Anlauttabelle
Den Gegenentwurf hat der Schweizer Reformpädagoge Jürgen Reichen entwickelt. Kinder bekommen eine Anlauttabelle, auf der jeder Buchstabe mit einem Bild verknüpft ist – M wie Maus, S wie Sonne –, und schreiben damit von der ersten Woche an, was sie wollen.
Gearbeitet wird dabei nach Gehör: Das Kind spricht ein Wort langsam, hört die einzelnen Laute heraus und sucht die zugehörigen Buchstaben auf der Tabelle. Heraus kommt „Libe Mamma“ – lautgetreu und orthografisch falsch, und genau das ist zunächst gewollt.
Die Idee dahinter ist stark: Ein Kind schreibt vom ersten Tag an eigene Inhalte und erlebt Schrift als etwas, das ihm gehört. Der Haken liegt im Übergang zur richtigen Schreibung, der nicht von allein kommt.
Was die Bonner Untersuchung ergab
Für Aufsehen sorgte 2018 eine Untersuchung von Una Röhr-Sendlmeier und Tobias Kuhl an der Universität Bonn mit mehr als 3.000 Kindern in Nordrhein-Westfalen. Verglichen wurden drei Zugänge: Fibel, „Lesen durch Schreiben“ und Rechtschreibwerkstatt.
Am Ende der vierten Schulstufe machten die Kinder aus den beiden alternativen Zugängen deutlich mehr Rechtschreibfehler: 55 Prozent mehr bei „Lesen durch Schreiben“, 105 Prozent mehr bei der Rechtschreibwerkstatt.
Fairerweise gehört die Kritik dazu. Die Bildungsforscherin Nele McElvany wies darauf hin, dass die Untersuchung offen lässt, ob die Kinder bereits mit unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule kamen – Schulen mit bestimmten Konzepten haben oft auch eine bestimmte Elternschaft.
Wie heute tatsächlich unterrichtet wird
In der Praxis unterrichtet kaum jemand eine Methode in Reinform. Verbreitet sind Mischformen: eine Anlauttabelle als Werkzeug, kombiniert mit systematischer Buchstabeneinführung, Rechtschreibübungen und Rückmeldung zu Fehlern.
Genau dieser Punkt wird in der öffentlichen Debatte gern übersehen. Gestritten wird über zwei Positionen, die in dieser Schärfe im Klassenzimmer selten vorkommen.
Für Eltern heißt das vor allem, nicht von einem Arbeitsblatt auf ein Konzept zu schließen. Eine Anlauttabelle an der Wand bedeutet nicht, dass Rechtschreibung keine Rolle spielt.
Die Silbenmethode
Etwas anderes als die beiden ist die Silbenmethode, weil sie keine Grundsatzentscheidung über den Unterricht darstellt, sondern eine Lesehilfe. Wörter werden in Silben zerlegt, oft farbig markiert oder mit Bögen darunter, und silbenweise erlesen statt Buchstabe für Buchstabe.
Der Nutzen ist unmittelbar einsichtig: Eine Silbe ist eine Einheit, die sich im Kopf halten lässt, ein einzelner Buchstabe nicht. Kinder, die an langen Wörtern scheitern, kommen damit oft sofort weiter.
Kombinieren lässt sich das mit jedem Zugang, und viele Erstlesebücher nutzen die farbige Silbentrennung. Wie sich das zu Hause üben lässt, steht im Ratgeber unter Silben üben in der Volksschule.
Die Methoden im Vergleich
Die folgende Übersicht fasst zusammen, woran Eltern die Zugänge erkennen und was jeweils zu Hause dazu passt.
| Zugang | Woran man ihn erkennt | Stärke | Was zu Hause dazu passt |
|---|---|---|---|
| Fibel | Lehrbuch mit fester Buchstabenfolge, Texte nur aus bekannten Buchstaben | Wenig Fehlschreibungen von Anfang an | Mitlesen im Fibeltext, danach freie Bücher dazu |
| Lesen durch Schreiben | Anlauttabelle an der Wand, freie Texte ab der ersten Woche | Kinder schreiben eigene Inhalte, hohe Motivation | Nicht verbessern, aber richtig danebenschreiben |
| Spracherfahrungsansatz | Lernwörter, Schreibkonferenzen, wenig Lehrbuch | Sprache im Zusammenhang statt isoliert | Über Geschriebenes sprechen, Rechtschreibung nicht erzwingen |
| Silbenmethode | Farbige Silben, Silbenbögen im Buch | Lange Wörter werden lesbar | Silben klatschen, silbengetrennte Erstlesebücher |
Was Eltern daraus machen
Die Methode ist keine Entscheidung der Eltern, und der Versuch, sie zu bekämpfen, kostet Kraft ohne Ertrag. Was zu Hause wirkt, ist bei allen Zugängen dasselbe: kurzes tägliches lautes Lesen mit leichten Texten, viel Vorlesen und keine Bewertung.
Sinnvoll ist außerdem, das eigene Kind nicht gegen den Unterricht zu stellen. Ein Kind, das zu Hause hört, die Schule mache es falsch, verliert Vertrauen in beide Seiten und gewinnt nichts.
Wo tatsächlich etwas hakt, führt der Weg über das Gespräch mit der Lehrperson. Die Frage, wie ein Kind vom lautgetreuen zum richtigen Schreiben kommt, ist berechtigt und in jedem Konzept beantwortbar.
Welche Methode ist nun die beste?
Eine ehrliche Antwort lautet: Für die Rechtschreibung spricht die Datenlage eher für systematische Zugänge, für die Schreibfreude eher für offene. Beides schließt einander nicht aus, und genau deshalb hat sich in der Praxis die Mischform durchgesetzt.
Weit wichtiger als die Methode ist ohnehin, wie viel gelesen wird. Eine Lesemenge, die über Jahre hinweg zustande kommt, schlägt jeden methodischen Unterschied – und darauf haben Eltern mehr Einfluss als auf den Unterricht.
Wer also die Wahl zwischen zwei Schulen hat, sollte die Methode nicht zum Hauptkriterium machen. Entscheidender sind die Lehrperson, die Klassengröße und die Frage, ob ein Kind gern hingeht.
Angaben geprüft: September 2026. Beträge, Fristen und Empfehlungen werden jährlich nachgesehen.