✨ Interaktive Kinderbuchlesungen für Volksschulen in Österreich ☎ +43 650 6107333  ·  Buch-Shop ↗
Familie · Lesen lernen

Anlauttabelle, Fibel, Silbenmethode

Die drei Zugänge zum Lesenlernen im Vergleich – ohne Lagerbildung.

Drei Dinge liegen nebeneinander auf einem Holztisch: links eine große bebilderte Tafel mit Bildchen im Raster, in der Mitte eine aufgeschlagene Fibel, rechts Holzkarten mit farbigen Blöcken in Zweier- und Dreiergruppen.
Alle drei Zugänge funktionieren – entscheidend ist, was zu Hause daraus wird.

Drei Zugänge prägen den Leseunterricht: die Fibelmethode mit fester Buchstabenreihenfolge, „Lesen durch Schreiben“ mit der Anlauttabelle und der Spracherfahrungsansatz mit freiem Schreiben. Die Silbenmethode steht quer dazu und lässt sich mit jedem kombinieren.

Über kaum ein Thema wird im Volksschulbereich so erbittert gestritten, meist mit wenig Sachkenntnis auf beiden Seiten. Eltern erfahren davon oft erst, wenn ihr Kind „Libe Mamma“ schreibt und niemand es verbessert.

Dieser Beitrag beschreibt, was jede Methode tut, was die Forschung hergibt und was Eltern daraus für zu Hause ableiten können. Wie Lesen überhaupt entsteht, steht unter Wie Kinder lesen lernen.

Die Fibelmethode

Bei der Fibelmethode werden Buchstaben in einer festgelegten Reihenfolge eingeführt, beginnend mit solchen, die sich gut verbinden lassen. Geschrieben und gelesen wird nur, was schon eingeführt wurde; Wörter und Texte im Lehrbuch bestehen ausschließlich aus bekannten Buchstaben.

Der Vorteil liegt in der Kontrolle. Ein Kind produziert von Anfang an weitgehend korrekte Schreibungen, und die Lehrperson weiß jederzeit, was bereits sitzen müsste.

Der Nachteil ist die Enge. Ein Kind, das schon mehr kann, wird gebremst, und die ersten Texte sind zwangsläufig inhaltlich mager – „Mimi malt“ ist kein Stoff, für den man lesen lernen möchte.

Lesen durch Schreiben und die Anlauttabelle

Den Gegenentwurf hat der Schweizer Reformpädagoge Jürgen Reichen entwickelt. Kinder bekommen eine Anlauttabelle, auf der jeder Buchstabe mit einem Bild verknüpft ist – M wie Maus, S wie Sonne –, und schreiben damit von der ersten Woche an, was sie wollen.

Gearbeitet wird dabei nach Gehör: Das Kind spricht ein Wort langsam, hört die einzelnen Laute heraus und sucht die zugehörigen Buchstaben auf der Tabelle. Heraus kommt „Libe Mamma“ – lautgetreu und orthografisch falsch, und genau das ist zunächst gewollt.

Die Idee dahinter ist stark: Ein Kind schreibt vom ersten Tag an eigene Inhalte und erlebt Schrift als etwas, das ihm gehört. Der Haken liegt im Übergang zur richtigen Schreibung, der nicht von allein kommt.

Was die Bonner Untersuchung ergab

Für Aufsehen sorgte 2018 eine Untersuchung von Una Röhr-Sendlmeier und Tobias Kuhl an der Universität Bonn mit mehr als 3.000 Kindern in Nordrhein-Westfalen. Verglichen wurden drei Zugänge: Fibel, „Lesen durch Schreiben“ und Rechtschreibwerkstatt.

Am Ende der vierten Schulstufe machten die Kinder aus den beiden alternativen Zugängen deutlich mehr Rechtschreibfehler: 55 Prozent mehr bei „Lesen durch Schreiben“, 105 Prozent mehr bei der Rechtschreibwerkstatt.

Fairerweise gehört die Kritik dazu. Die Bildungsforscherin Nele McElvany wies darauf hin, dass die Untersuchung offen lässt, ob die Kinder bereits mit unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule kamen – Schulen mit bestimmten Konzepten haben oft auch eine bestimmte Elternschaft.

Wie heute tatsächlich unterrichtet wird

In der Praxis unterrichtet kaum jemand eine Methode in Reinform. Verbreitet sind Mischformen: eine Anlauttabelle als Werkzeug, kombiniert mit systematischer Buchstabeneinführung, Rechtschreibübungen und Rückmeldung zu Fehlern.

Genau dieser Punkt wird in der öffentlichen Debatte gern übersehen. Gestritten wird über zwei Positionen, die in dieser Schärfe im Klassenzimmer selten vorkommen.

Für Eltern heißt das vor allem, nicht von einem Arbeitsblatt auf ein Konzept zu schließen. Eine Anlauttabelle an der Wand bedeutet nicht, dass Rechtschreibung keine Rolle spielt.

Die Silbenmethode

Etwas anderes als die beiden ist die Silbenmethode, weil sie keine Grundsatzentscheidung über den Unterricht darstellt, sondern eine Lesehilfe. Wörter werden in Silben zerlegt, oft farbig markiert oder mit Bögen darunter, und silbenweise erlesen statt Buchstabe für Buchstabe.

Der Nutzen ist unmittelbar einsichtig: Eine Silbe ist eine Einheit, die sich im Kopf halten lässt, ein einzelner Buchstabe nicht. Kinder, die an langen Wörtern scheitern, kommen damit oft sofort weiter.

Kombinieren lässt sich das mit jedem Zugang, und viele Erstlesebücher nutzen die farbige Silbentrennung. Wie sich das zu Hause üben lässt, steht im Ratgeber unter Silben üben in der Volksschule.

Die Methoden im Vergleich

Die folgende Übersicht fasst zusammen, woran Eltern die Zugänge erkennen und was jeweils zu Hause dazu passt.

ZugangWoran man ihn erkenntStärkeWas zu Hause dazu passt
FibelLehrbuch mit fester Buchstabenfolge, Texte nur aus bekannten BuchstabenWenig Fehlschreibungen von Anfang anMitlesen im Fibeltext, danach freie Bücher dazu
Lesen durch SchreibenAnlauttabelle an der Wand, freie Texte ab der ersten WocheKinder schreiben eigene Inhalte, hohe MotivationNicht verbessern, aber richtig danebenschreiben
SpracherfahrungsansatzLernwörter, Schreibkonferenzen, wenig LehrbuchSprache im Zusammenhang statt isoliertÜber Geschriebenes sprechen, Rechtschreibung nicht erzwingen
SilbenmethodeFarbige Silben, Silbenbögen im BuchLange Wörter werden lesbarSilben klatschen, silbengetrennte Erstlesebücher
Bei Anlauttabellen-Unterricht: richtig danebenschreiben statt verbessern. Wenn ein Kind „Libe Mamma“ schreibt, hat es alles richtig gemacht, was es gerade kann. Wer den Fehler anstreicht, entwertet die eigene Leistung. Wer das Wort daneben richtig hinschreibt, ohne etwas zu sagen, gibt die Information weiter, ohne den Text zu zerstören – und Kinder übernehmen die richtige Form erstaunlich oft von selbst.

Was Eltern daraus machen

Die Methode ist keine Entscheidung der Eltern, und der Versuch, sie zu bekämpfen, kostet Kraft ohne Ertrag. Was zu Hause wirkt, ist bei allen Zugängen dasselbe: kurzes tägliches lautes Lesen mit leichten Texten, viel Vorlesen und keine Bewertung.

Sinnvoll ist außerdem, das eigene Kind nicht gegen den Unterricht zu stellen. Ein Kind, das zu Hause hört, die Schule mache es falsch, verliert Vertrauen in beide Seiten und gewinnt nichts.

Wo tatsächlich etwas hakt, führt der Weg über das Gespräch mit der Lehrperson. Die Frage, wie ein Kind vom lautgetreuen zum richtigen Schreiben kommt, ist berechtigt und in jedem Konzept beantwortbar.

Welche Methode ist nun die beste?

Eine ehrliche Antwort lautet: Für die Rechtschreibung spricht die Datenlage eher für systematische Zugänge, für die Schreibfreude eher für offene. Beides schließt einander nicht aus, und genau deshalb hat sich in der Praxis die Mischform durchgesetzt.

Weit wichtiger als die Methode ist ohnehin, wie viel gelesen wird. Eine Lesemenge, die über Jahre hinweg zustande kommt, schlägt jeden methodischen Unterschied – und darauf haben Eltern mehr Einfluss als auf den Unterricht.

Wer also die Wahl zwischen zwei Schulen hat, sollte die Methode nicht zum Hauptkriterium machen. Entscheidender sind die Lehrperson, die Klassengröße und die Frage, ob ein Kind gern hingeht.

Angaben geprüft: September 2026. Beträge, Fristen und Empfehlungen werden jährlich nachgesehen.

Häufige Fragen

Häufige Fragen zum Thema

Ist die Anlauttabelle sinnvoll?
Als Werkzeug ja, als alleiniges Konzept ist sie umstritten. Die Anlauttabelle verknüpft jeden Buchstaben mit einem Bild – M wie Maus, S wie Sonne – und erlaubt einem Kind, von der ersten Schulwoche an eigene Texte zu schreiben, indem es Wörter langsam spricht und die gehörten Laute zuordnet. Die Idee dahinter ist stark: Das Kind erlebt Schrift als etwas, das ihm gehört, und schreibt eigene Inhalte, statt vorgegebene Wörter abzuschreiben. Der Haken liegt im Übergang zur richtigen Schreibung, der nicht von allein kommt. Deutsch bildet Laute nicht eindeutig durch Buchstaben ab, und Wörter wie „Vater“ oder „fährt“ brauchen Zusatzwissen, das aus dem Hören nicht ableitbar ist. In der Praxis unterrichtet heute ohnehin kaum jemand die reine Lehre: Üblich ist die Anlauttabelle als Werkzeug, kombiniert mit systematischer Buchstabeneinführung und Rechtschreibübungen. Von einer Tabelle an der Klassenwand lässt sich also nicht auf ein Konzept schließen.
Was ist der Unterschied zwischen Fibelmethode und Lesen durch Schreiben?
Bei der Fibelmethode werden Buchstaben in festgelegter Reihenfolge eingeführt, und gelesen wie geschrieben wird nur, was bereits eingeführt wurde. Der Vorteil liegt in der Kontrolle: Ein Kind produziert von Anfang an weitgehend korrekte Schreibungen. Der Nachteil ist die Enge – die ersten Texte sind zwangsläufig inhaltlich mager. Bei „Lesen durch Schreiben“ nach Jürgen Reichen bekommt das Kind stattdessen eine Anlauttabelle und schreibt ab der ersten Woche, was es will, nach Gehör. Heraus kommt lautgetreue, orthografisch falsche Schrift wie „Libe Mamma“, und das ist zunächst so gewollt. Die beiden Zugänge unterscheiden sich also darin, ob Korrektheit am Anfang oder am Ende steht. In der Praxis kommen beide selten in Reinform vor, sondern als Mischform, die die Anlauttabelle als Werkzeug nutzt und Rechtschreibung trotzdem systematisch übt. Für Eltern ist das die wichtigste Information überhaupt.
Was ergab die Bonner Studie zu den Lesemethoden?
Una Röhr-Sendlmeier und Tobias Kuhl von der Universität Bonn verglichen 2018 an mehr als 3.000 Kindern in Nordrhein-Westfalen drei Zugänge: Fibel, „Lesen durch Schreiben“ und Rechtschreibwerkstatt. Am Ende der vierten Schulstufe machten die Kinder aus den beiden alternativen Zugängen deutlich mehr Rechtschreibfehler – 55 Prozent mehr bei „Lesen durch Schreiben“ und 105 Prozent mehr bei der Rechtschreibwerkstatt. Zur Einordnung gehört die Kritik: Die Bildungsforscherin Nele McElvany wies darauf hin, dass offen bleibt, ob die Kinder bereits mit unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule kamen. Schulen mit bestimmten Konzepten haben häufig auch eine bestimmte Elternschaft. Auch der Bildungsverband VBE warnte vor einer einseitigen Rückkehr zur Fibel, weil Rechtschreibung sich nicht isoliert von anderen Lernprozessen betrachten lasse. Die Untersuchung ist damit ein starkes Argument, aber kein Schlusspunkt.
Soll ich die lautgetreuen Schreibungen meines Kindes verbessern?
Besser nicht durch Anstreichen. Wenn ein Kind „Libe Mamma“ schreibt, hat es alles richtig gemacht, was es gerade kann – wer den Fehler markiert, entwertet genau diese Leistung. Brauchbar ist stattdessen, das Wort daneben richtig hinzuschreiben, ohne etwas dazu zu sagen. So wird die Information weitergegeben, ohne den Text zu zerstören, und Kinder übernehmen die richtige Form erstaunlich oft von selbst. Wichtig ist allerdings, dass der Übergang zur richtigen Schreibung irgendwann stattfindet, denn von allein kommt er nicht. Die Frage, wie die Schule diesen Übergang gestaltet, ist berechtigt und lässt sich in jedem Unterrichtskonzept beantworten. Auch der Kampf gegen die Methode der Schule zahlt sich selten aus: Ein Kind, das zu Hause hört, die Schule mache es falsch, verliert Vertrauen in beide Seiten und gewinnt dabei nichts. Der Weg über ein sachliches Gespräch mit der Lehrperson führt weiter.
Was ist die Silbenmethode?
Die Silbenmethode ist keine Grundsatzentscheidung über den Unterricht, sondern eine Lesehilfe. Wörter werden in Silben zerlegt, oft farbig markiert oder mit Bögen darunter, und silbenweise erlesen statt Buchstabe für Buchstabe. Der Nutzen ist unmittelbar einsichtig: Eine Silbe ist eine Einheit, die sich im Kopf halten lässt, ein einzelner Buchstabe nicht. Kinder, die an langen Wörtern scheitern und nach vier Buchstaben den Anfang vergessen haben, kommen damit oft sofort weiter. Kombinieren lässt sich das mit jedem Zugang, und viele Erstlesebücher nutzen die farbige Silbentrennung ohnehin. Zu Hause funktioniert der Einstieg am einfachsten über das Klatschen von Silben. Für Kinder, die beim Lesen raten statt zu erlesen, ist das silbenweise Vorgehen besonders brauchbar, weil am Ende eines Wortes kein Teil mehr übrig bleibt, den man erraten müsste.
Welche Methode wird in Österreich unterrichtet?
Vorgeschrieben ist keine. Der Lehrplan der Volksschule beschreibt Lesen als Kulturtechnik und als Kompetenzbereich des Deutschunterrichts, überlässt den methodischen Weg aber der Schule und der Lehrperson. In der Praxis unterrichtet heute kaum jemand eine Methode in Reinform: Verbreitet sind Mischformen, etwa eine Anlauttabelle als Werkzeug, kombiniert mit systematischer Buchstabeneinführung, Rechtschreibübungen und Rückmeldung zu Fehlern. Genau dieser Punkt wird in der öffentlichen Debatte meist übersehen, weil dort über zwei Positionen gestritten wird, die in dieser Schärfe im Klassenzimmer selten vorkommen. Von einem Arbeitsblatt lässt sich deshalb nicht auf ein Konzept schließen. Für Eltern folgt daraus, die Methode nicht zum Hauptkriterium bei der Schulwahl zu machen. Entscheidender sind die Lehrperson, die Klassengröße und die Frage, ob ein Kind gern hingeht.
Welche Methode ist die beste?
Für die Rechtschreibung spricht die Datenlage eher für systematische Zugänge, für die Schreibfreude eher für offene – und beides schließt einander nicht aus, weshalb sich in der Praxis die Mischform durchgesetzt hat. Weit wichtiger als die Methode ist ohnehin, wie viel ein Kind über die Jahre hinweg liest. Eine Lesemenge, die über Jahre zustande kommt, schlägt jeden methodischen Unterschied, und darauf haben Eltern deutlich mehr Einfluss als auf den Unterricht. Wer die Wahl zwischen zwei Schulen hat, sollte die Methode deshalb nicht zum Hauptkriterium machen. Entscheidender sind die Lehrperson, die Klassengröße und die Frage, ob ein Kind gern hingeht. Die Silbenmethode steht dabei quer zu dieser Frage: Sie ist keine Konkurrenz zu den anderen Zugängen, sondern eine Lesehilfe, die sich mit jedem davon kombinieren lässt und Kindern hilft, die an langen Wörtern scheitern.
Was können Eltern zu Hause tun, egal welche Methode die Schule nutzt?
Dasselbe, und das ist die beruhigende Nachricht: kurzes tägliches lautes Lesen mit deutlich leichten Texten, viel Vorlesen und keine Bewertung. Zehn Minuten täglich wirken dabei stärker als eine lange Einheit am Wochenende, weil Automatisierung aus Häufigkeit entsteht und nicht aus Dauer. Was sich nicht auszahlt, ist der Kampf gegen die Methode der Schule: Er kostet Kraft ohne Ertrag, und ein Kind, das zu Hause hört, die Schule mache es falsch, verliert Vertrauen in beide Seiten und gewinnt nichts. Wo tatsächlich etwas hakt, führt der Weg über das Gespräch mit der Lehrperson – sachlich, mit einer konkreten Beobachtung statt eines Vorwurfs. Bei einem Unterricht mit Anlauttabelle kommt eine Besonderheit dazu: Lautgetreue Schreibungen werden nicht angestrichen, sondern das Wort wird daneben richtig hingeschrieben, ohne Kommentar.
Weiterlesen

Passende Beiträge

Newsletter

Neue Geschichten & Gratis-Material

Erhalte Lese- und Vorlesetipps, kostenlose Igebitz-Downloads und Neuigkeiten zu Büchern & Lesungen – ca. einmal im Monat, jederzeit abbestellbar.