Kinder lernen das Lesen in einer festen Reihenfolge: erst erkennen sie Wörter an ihrem Aussehen, dann setzen sie Buchstaben mühsam zu Wörtern zusammen, dann erkennen sie häufige Wörter auf einen Blick, und zuletzt läuft alles automatisch ab.
Die Reihenfolge ist bei allen Kindern gleich, das Tempo nicht. Zwischen zwei Kindern derselben Klasse können eineinhalb Jahre liegen, ohne dass eines von beiden ein Problem hätte.
Wer weiß, auf welcher Stufe sein Kind gerade steht, übt nicht mehr an der falschen Stelle – denn jede Stufe braucht eine andere Unterstützung. Der Überblick über den ganzen Weg steht unter Lesen lernen.
Woher die Stufenmodelle kommen
Beschrieben wurden die Stufen erstmals in den 1980er-Jahren, am bekanntesten von der britischen Entwicklungspsychologin Uta Frith mit drei Stufen und später von Renate Valtin in einer feineren Fassung mit sechs. Die Bezeichnungen unterscheiden sich, der beschriebene Ablauf stimmt überein.
Für Eltern ist dabei weniger die Fachsprache interessant als der Grundgedanke: Lesen ist keine Fähigkeit, die man hat oder nicht hat, sondern eine Abfolge von Teilfähigkeiten, die nacheinander automatisiert werden.
Wichtig ist eine Einschränkung, die in der Fachliteratur mitgeliefert wird: Die Stufen sind ein Modell und kein Fahrplan. Kinder überspringen nichts, durchlaufen aber Übergänge fließend und stehen oft für Monate zwischen zwei Stufen.
Die fünf Stufen im Überblick
Die folgende Übersicht fasst den Weg in der Sprache zusammen, in der Eltern ihn im Alltag wiedererkennen. Die Zeitangaben sind grobe Anhaltspunkte für Kinder, die mit sechs Jahren in die Volksschule eintreten.
| Stufe | Was das Kind tut | Ungefährer Zeitraum | Was jetzt hilft |
|---|---|---|---|
| Vorläufer | Tut so, als würde es lesen; erkennt Bücher und Schrift als etwas Bedeutungsvolles | vor dem Schuleintritt | Vorlesen, Reime, Silben klatschen |
| Wortbilder | Erkennt einzelne Wörter an ihrer Form – den eigenen Namen, „Mama“, Logos | letztes Kindergartenjahr bis 1. Schulstufe | Schrift im Alltag zeigen, nichts abfragen |
| Lautieren | Setzt Buchstabe für Buchstabe zu einem Wort zusammen, langsam und laut | 1. bis 2. Schulstufe, oft über ein Jahr | Gemeinsames lautes Lesen, sehr kurze Texte |
| Ganzwörter | Erkennt häufige Wörter sofort, zerlegt nur noch lange oder fremde | 2. bis 3. Schulstufe | Lesemenge, leichte Bücher, Wiederholung |
| Automatisierung | Liest still und versteht dabei; das Lesen selbst fällt nicht mehr auf | ab 3. bis 4. Schulstufe | Stoff, der interessiert; Vorlesen bleibt daneben |
Stufe 1 und 2: bevor das eigentliche Lesen beginnt
Lange vor dem ersten Buchstaben beginnt ein Kind, sich an Schrift zu orientieren. Es erkennt sein Lieblingsbuch am Umschlag, „liest“ eine auswendig gekannte Geschichte mit umgeblätterten Seiten vor und weiß, dass die Zeichen auf dem Papier etwas bedeuten.
In der nächsten Stufe kommen einzelne Wörter dazu, aber nicht durch Buchstaben: Ein Kind erkennt seinen Namen an der Form, so wie es ein Verkehrszeichen erkennt. Verändert man einen Buchstaben darin, fällt es nicht auf.
Nützlich ist in dieser Zeit alles, was die Lautstruktur der Sprache hörbar macht – Reime, Silben klatschen, Anlaute suchen. Buchstaben drillen bringt nichts, weil das Kind noch keine Verwendung dafür hat.
Stufe 3: das Lautieren, und warum es so lange dauert
Mit der Einführung der Buchstaben beginnt die eigentliche Arbeit. Das Kind verknüpft Buchstabe und Laut und setzt beides zu Wörtern zusammen – laut, langsam und mit hörbarer Anstrengung. M-au-s, und danach die Frage, was da eigentlich stand.
Diese Stufe dauert bei den meisten Kindern über ein Jahr und ist der Punkt, an dem Eltern am häufigsten ungeduldig werden, weil sich scheinbar nichts verändert. Tatsächlich verändert sich sehr viel, nur unsichtbar: Jede Wiederholung macht eine Buchstaben-Laut-Verbindung ein Stück automatischer.
Weil das Erlesen die gesamte Aufmerksamkeit bindet, bleibt für den Inhalt kaum Kapazität. Ein Kind, das einen Satz richtig liest und hinterher nicht weiß, was darin stand, hat kein Konzentrationsproblem, sondern eine ausgelastete Arbeitskapazität.
Stufe 4: wenn Wörter plötzlich da sind
Irgendwann kippt es. Häufige Wörter wie „und“, „ist“, „nicht“ oder „dann“ werden nicht mehr zusammengelautet, sondern auf einen Blick erkannt, und das Lesen klingt mit einem Mal flüssiger.
Der Wechsel geschieht nicht an einem Tag und auch nicht für alle Wörter gleichzeitig. Ein Kind kann einen ganzen Satz zügig lesen und beim nächsten längeren Wort wieder in das alte Lautieren zurückfallen – ein Zeichen von Fortschritt und nicht von Rückschritt.
Was jetzt wirkt, ist Menge: viele leichte Texte statt weniger schwerer. Jedes Wort, das oft genug gesehen wurde, wandert in den Bestand der sofort erkannten Wörter, und dieser Bestand wächst nur durch Wiederholung.
Stufe 5: Automatisierung
Am Ende steht ein Zustand, den Erwachsene nicht mehr bewusst wahrnehmen: Lesen läuft ab, ohne dass man daran denkt. Wer ein Wort sieht, hat es gelesen, ob er will oder nicht.
Erreicht ist dieser Punkt bei den meisten Kindern im Lauf der dritten und vierten Schulstufe, bei manchen früher, bei manchen später. Als Anhaltspunkt für flüssiges Lesen gelten rund 150 Wörter pro Minute – ein Wert, den Kinder erst gegen Ende der Volksschulzeit erreichen.
Jetzt erst wird Lesen zu dem, was Erwachsene damit meinen: ein Werkzeug, um an etwas anderes heranzukommen. Entsprechend wichtig wird der Stoff – ein Kind, das ein Thema liebt, liest darüber deutlich mehr, als jede Übung erreichen würde.
Woran Eltern die aktuelle Stufe erkennen
Am verlässlichsten zeigt es sich beim lauten Lesen eines Textes, den das Kind nicht kennt. Wer dabei auf die Art der Fehler achtet statt auf ihre Anzahl, erkennt die Stufe in wenigen Minuten.
Ein Kind, das langsam, aber richtig liest, steckt in der Lautier-Stufe und braucht Zeit. Ein Kind, das kurze Wörter zügig liest und bei langen zurückfällt, ist im Übergang zur Ganzwort-Stufe. Ein Kind, das flüssig klingt, aber Wörter durch ähnlich aussehende ersetzt, rät – und das ist ein eigenes Thema, beschrieben in Wörterraten beim Lesen.
Nicht aussagekräftig ist dagegen das Lesen eines bekannten Textes. Kinder merken sich Texte erstaunlich gut und tragen sie auswendig vor, was wie flüssiges Lesen klingt, aber keines ist.
Wann die Stufen nicht weitergehen
Auffällig wird es nicht, wenn ein Kind langsam vorankommt, sondern wenn es über ein Schuljahr hinweg auf derselben Stufe stehen bleibt. Ein weiteres Warnzeichen ist, wenn ein Wort beim zweiten und dritten Lesen genauso mühsam bleibt wie beim ersten, denn dann findet keine Automatisierung statt.
Mehr Übung ist an diesem Punkt selten die Lösung. Sinnvoller ist das Gespräch mit der Lehrperson und von dort der Weg zur Schulpsychologie der Bildungsdirektion, deren Leistungen freiwillig, kostenlos und vertraulich sind.
Was dabei geschieht und wie der Unterschied zwischen vorübergehenden Schwierigkeiten und einer diagnostizierten Störung aussieht, steht in Legasthenie und LRS in Österreich.
Angaben geprüft: September 2026. Beträge, Fristen und Empfehlungen werden jährlich nachgesehen.