Kaum eine Frage spaltet Elternabende im Juni so zuverlässig wie diese: Soll in den Ferien gelernt werden? Die eine Seite fürchtet den Rückfall, die andere hält Ferien für Ferien.
Die Antwort liegt dazwischen und ist kleiner, als beide Lager vermuten. Wirksam sind wenige Minuten an den meisten Tagen, und am wirksamsten ist etwas, das gar nicht nach Lernen aussieht.
Dieser Beitrag nennt die rechtliche Lage, das sinnvolle Maß und die Reihenfolge. Der Überblick steht unter Lernen & Hausübung.
Was rechtlich gilt
Für Hausübungen ist die Lage eindeutig. Sie dürfen nicht an Samstagen, Sonntagen oder Feiertagen erarbeitet werden, und ebenso nicht in den Weihnachts-, Semester-, Oster-, Pfingst- und Hauptferien.
Diese Regel gilt für verpflichtende Aufgaben. Freiwillige Angebote sind davon nicht betroffen – ein Lesepass, ein Ferienheft zum Mitnehmen oder eine Leseliste der Bücherei sind erlaubt, weil sie eben freiwillig sind.
Für Eltern folgt daraus eine brauchbare Frage vor den Ferien: Ist das verpflichtend oder freiwillig? Die Antwort darauf entscheidet, ob eine Sache im Sommer erledigt werden muss oder nicht.
Was neun Wochen ohne Übung kosten
Die Sommerferien sind in Österreich rund neun Wochen lang, und in dieser Zeit verlieren Kinder tatsächlich etwas – aber nicht überall gleich.
Am empfindlichsten sind jene Fertigkeiten, die auf Automatisierung beruhen: die Leseflüssigkeit und das Einmaleins. Beide leben von Wiederholung, und beide werden langsamer, wenn wochenlang nichts passiert.
Weitgehend unempfindlich ist dagegen alles, was verstanden wurde. Ein Kind, das die Multiplikation begriffen hat, hat sie im September noch begriffen; es rechnet nur langsamer, und das holt es in zwei Wochen auf.
| Bereich | Empfindlich? | Was im Sommer genügt |
|---|---|---|
| Leseflüssigkeit | ja | 10 Minuten an den meisten Tagen, frei gewählter Stoff |
| Einmaleins | ja | mündlich im Auto oder beim Tischdecken, 5 Minuten |
| Rechtschreibung | wenig | Lesen genügt, kein eigenes Üben nötig |
| Verstandener Stoff | nein | nichts |
| Schreibmotorik | wenig | Postkarten, Einkaufszettel, Tagebuch |
Das sinnvolle Maß
Als Richtwert haben sich zehn Minuten an den meisten Tagen bewährt – nicht täglich, nicht länger. Die Wirkung kommt aus der Häufigkeit und nicht aus der Dauer, weshalb eine Stunde am Sonntag weniger bringt als fünfmal zehn Minuten.
Wichtig ist, was in diesen Minuten passiert. Arbeitsblätter mit demselben Aufbau wie im Unterricht erzeugen bei vielen Kindern Widerstand, weil sie die Schule in die Ferien holen.
Brauchbar ist stattdessen alles, was einen eigenen Zweck hat: einen Brief schreiben, ein Rezept lesen, im Urlaub die Karte lesen, den Einkauf zusammenrechnen. Das ist dieselbe Fertigkeit in anderer Verpackung.
Lesen ist die beste Ferienübung
Wenn nur eines gemacht wird, dann Lesen. Es wirkt auf die Leseflüssigkeit, auf den Wortschatz und mit auf die Rechtschreibung, und es ist das einzige Üben, das ein Kind freiwillig macht.
Entscheidend ist die freie Wahl des Stoffs. Comics, Sachbücher über Baumaschinen, Zeitschriften, Hörbuch mit Mitlesen – alles zählt, und die Frage nach dem literarischen Wert stellt sich in den Ferien nicht.
Unterstützung gibt es dabei kostenlos: Die öffentlichen Büchereien führen in allen Bundesländern Sommerleseaktionen mit Stempelpässen und Preisen. Die Details stehen unter Lesen in den Ferien.
Wann ein Ferienkurs sinnvoll ist
Selten, und fast nie in der Volksschule. Sinnvoll ist ein Kurs dort, wo eine klar benennbare Lücke besteht – etwa nach längerer Krankheit oder nach einem Schulwechsel mitten im Jahr.
Nicht sinnvoll ist er als Vorsorge. Ein Kind, das mitkommt, braucht keinen Kurs, und ein Kind, das nicht mitkommt, braucht meist etwas anderes: eine Abklärung und schulische Förderung, nicht zwei Wochen im Juli.
Die Überlegungen und die Reihenfolge dazu stehen unter Nachhilfe in der Volksschule. Vor jedem bezahlten Kurs kommen drei kostenlose Schritte.
Die letzten zwei Wochen
Wo im Sommer nichts passiert ist, lohnt sich nicht der Juli, sondern die letzten zwei Wochen vor dem Schulbeginn. Dann wird der Rhythmus wieder hergestellt, und darin liegt der größere Effekt.
Gemeint ist nicht Lernen, sondern Schlaf. Wer in den letzten zehn Tagen die Schlafzeiten in Schritten von fünfzehn Minuten nach vorne zieht, erspart dem Kind die erste Schulwoche im Halbschlaf.
Dazu kommen zwei praktische Dinge: einmal die Schultasche herrichten und einmal den Weg gehen. Beides nimmt dem ersten Tag die Unsicherheit, und beides ist in einer Stunde erledigt.
| Zeitpunkt | Was ansteht |
|---|---|
| ganzer Sommer | 10 Minuten lesen an den meisten Tagen |
| ab und zu | Einmaleins mündlich, 5 Minuten, im Auto |
| 2 Wochen davor | Schlafzeiten in 15-Minuten-Schritten vorziehen |
| 1 Woche davor | Schultasche und Material herrichten |
| letzte Tage | Schulweg einmal gehen, Ablauf des ersten Tages besprechen |
Was den Sommer verdirbt
An erster Stelle steht das tägliche Pensum mit Kontrolle. Ein Sommer, in dem jeden Tag um dieselbe Zeit gerechnet wird und jemand nachsieht, ist für das Verhältnis zum Lernen teurer als jede Lücke.
An zweiter Stelle stehen Vergleiche. Sätze über andere Kinder, die im Sommer angeblich ein Buch pro Woche lesen, erzeugen Widerstand und keine Lesemotivation.
An dritter Stelle steht die Drohung mit dem Herbst. »Sonst schaffst du die dritte Klasse nicht« ist ein Satz, der neun Wochen lang wirkt und nichts verbessert.
Was Ferien tatsächlich leisten
Neun Wochen ohne Schule sind nicht bloß Erholung, sondern eine eigene Lerngelegenheit – nur eine ungeplante. Kinder lernen im Sommer viel, es steht nur in keinem Lehrplan.
Dazu gehört die Langeweile. Ein Kind, das zwei Wochen lang nicht bespielt wird, entwickelt eigene Ideen, und diese Fähigkeit wirkt im Schuljahr weiter – sie steckt in jeder Aufgabe, die nicht sofort lösbar ist.
Am besten ist deshalb meist das kleinste Ferienprogramm. Was dazu zu sagen ist, steht unter Mir ist fad.
Angaben geprüft: September 2026. Beträge, Fristen und Empfehlungen werden jährlich nachgesehen.

