Die Sommerferien dauern in Österreich neun Wochen. Für ein Kind, das gerade lesen lernt, ist das eine lange Zeit ohne Übung – und Leseflüssigkeit lebt von Häufigkeit, nicht von Anstrengung.
Gleichzeitig sind Ferien Ferien. Ein Übungsplan, der aussieht wie Schule, wird in der zweiten Woche aufgegeben und hinterlässt ein Kind, das noch weniger Lust hat als vorher.
Dieser Beitrag beschreibt, was im Sommer tatsächlich funktioniert – samt einer Übersicht der Leseaktionen aller neun Bundesländer. Wie Lesen überhaupt entsteht, steht unter Lesen lernen.
Warum neun Wochen etwas ausmachen
Flüssiges Lesen entsteht dadurch, dass Wörter so oft gesehen werden, bis sie auf einen Blick erkannt werden. Dieser Bestand wächst durch Wiederholung – und er schrumpft, wenn lange nichts dazukommt.
Betroffen sind davon nicht alle Kinder gleich. Wer bereits flüssig liest, verliert in neun Wochen wenig; wer mitten in der Lautier-Phase steckt, verliert spürbar mehr, weil dort noch nichts wirklich gefestigt ist.
Gemeint ist damit ausdrücklich kein Sommerkurs. Zehn Minuten an den meisten Tagen genügen, um den Stand zu halten, und sie lassen sich in neun Wochen deutlich leichter unterbringen als in einer Schulwoche.
Die Leseaktionen der Bundesländer
Praktischerweise gibt es in ganz Österreich fertige Programme dafür. Alle neun Bundesländer haben eigene Sommer-Leseaktionen, die über die öffentlichen Bibliotheken laufen, und in fast allen ist das Entlehnen für Kinder im Sommer kostenlos.
Die folgende Übersicht nennt die Aktionen nach Bundesland. Namen und Ablauf können sich von Jahr zu Jahr ändern; die jeweilige Bibliothek vor Ort weiß Genaueres.
| Bundesland | Aktion | Wie es läuft |
|---|---|---|
| Wien | Sommerleseclub | Leseclub der Städtischen Büchereien für Kinder |
| Niederösterreich | Raus aus den Seiten | Sommeraktion der öffentlichen Bibliotheken |
| Oberösterreich | Leseinitiative in den Sommerferien | Lesepass mit einem Stempel je entliehenem Buch, für Kinder bis 12 Jahre |
| Salzburg | Lesesommer | Sommeraktion der öffentlichen Bibliotheken |
| Steiermark | Feriens(p)ass | Ferienaktion der Bibliotheken |
| Tirol | Geschichtensommer | Sommeraktion der öffentlichen Bibliotheken |
| Vorarlberg | Sommerlesen | Sommeraktion der öffentlichen Bibliotheken |
| Burgenland | Lesesommer | Sommeraktion der öffentlichen Bibliotheken |
| Kärnten | Ferienaktionen der Bibliotheken | Programm je nach Standort |
Wie die oberösterreichische Leseinitiative funktioniert
Stellvertretend lohnt ein Blick auf Oberösterreich, weil die Aktion dort besonders klar aufgebaut ist. Rund 200 öffentliche Bibliotheken geben Lesepässe aus, insgesamt etwa 34.000 Stück, und zwar an Kinder bis zwölf Jahre.
Für jedes Buch, das im Juli, August oder September entlehnt wird, gibt es einen Stempel. Wer seinen Pass abgibt, nimmt an einer Verlosung mit Buchpreisen teil; rund 11.000 Pässe kommen jedes Jahr zurück.
Dazu kommt ein Rahmenprogramm der Bibliotheken – Lesenächte, Märchenwanderungen, Leserallyes. Für viele Familien ist genau das der Anlass, im Sommer überhaupt in die Bücherei zu gehen.
Was im Sommer als Lesen zählt
In den Ferien lohnt es sich besonders, den Begriff weit zu fassen. Für den Leseerwerb zählt die Menge an gelesenen Wörtern, und der Textsorte ist es gleichgültig, wie sie aussieht.
Gelesen wird also auch, wer eine Speisekarte studiert, eine Spielanleitung durchgeht, ein Rezept vorliest, eine Landkarte entziffert, Comics verschlingt oder die Schilder im Tierpark abarbeitet. Viele Kinder lesen im Sommer deutlich mehr als im Schuljahr, nur zählt es niemand.
Praktisch heißt das, die Gelegenheiten sichtbar zu machen statt neue zu erfinden. Wer das Kind am Kiosk die Eissorten vorlesen lässt, hat eine Leseeinheit erledigt, ohne dass sie als solche auffällt.
Zehn Minuten, die nicht nach Schule schmecken
Wo doch eine feste Einheit sinnvoll ist – etwa bei einem Kind, das im Juni noch mitten im Lautieren steckte –, entscheidet die Form. Dieselben zehn Minuten wirken völlig anders, je nachdem, wie sie eingebettet sind.
Bewährt hat sich, gemeinsam abwechselnd zu lesen: eine Seite das Kind, eine Seite der Erwachsene. So bleibt das Tempo der Geschichte erhalten, und niemand sitzt allein vor einem Text. Den vollständigen Ablauf beschreibt Lesen üben ohne Streit.
Gut funktioniert außerdem ein ungewöhnlicher Ort: im Zelt, auf der Picknickdecke, mit der Taschenlampe. Was im Sommer nach Abenteuer aussieht, sieht nicht nach Hausübung aus.
Die Bücherei als Ferienort
Im Sommer ist die öffentliche Bibliothek der günstigste Nachschub, den es gibt – kostenlos oder fast, gekühlt, und mit deutlich mehr Auswahl als jedes Kinderzimmerregal. Für ein Kind, das zehn Bücher pro Ferienwoche durchbringt, ist sie die einzige realistische Quelle.
Wichtig ist dabei, das Kind wirklich selbst wählen zu lassen, auch wenn dabei zum fünften Mal dasselbe Thema herauskommt. Das Interesse des Kindes schlägt jede pädagogische Absicht, und ein Buch, das freiwillig gelesen wird, wirkt mehr als drei, die man ausgesucht hat.
Sinnvoll ist ein fester Termin, etwa jeden Dienstag. Ein wiederkehrender Gang hält sich über neun Wochen deutlich besser als der Vorsatz, bald wieder einmal hinzugehen.
Lesen unterwegs
Auf Reisen kommen Gelegenheiten dazu, die es sonst nicht gibt. Eine lange Autofahrt trägt ein Hörbuch, und wenn das Kind das Buch dazu aufgeschlagen hat, wird daraus ein anerkanntes Förderverfahren – mehr dazu in Helfen Hörbücher beim Lesenlernen?.
Am Wasser funktionieren dünne Bücher besser als dicke, und Comics besser als beides. Was nass werden darf, wird eher mitgenommen; ein teures Buch bleibt im Quartier.
Bewährt hat sich außerdem, dem Kind vor der Reise ein eigenes kleines Lesegepäck zusammenstellen zu lassen. Wer selbst gepackt hat, greift unterwegs eher zu.
Was man lassen sollte
Wenig bringt ein Ferienplan mit Tagespensum, Häkchen und Kontrolle. Er sieht nach Schule aus, wird nach zwei Wochen aufgegeben und hinterlässt ein Kind, das mit dem Lesen nun zusätzlich ein Scheitern verbindet.
Ebenso wenig funktioniert die Ankündigung, im Sommer müsse aufgeholt werden. Für ein Kind, das im Schuljahr Schwierigkeiten hatte, ist das die Nachricht, dass auch die Ferien keine Erholung bringen.
Und drittens: Sommerhefte mit Übungsaufgaben ersetzen kein Lesen. Sie bearbeiten Rechtschreibung und Grammatik, aber sie bauen keinen Bestand sofort erkannter Wörter auf – das tut nur gelesener Text.
Angaben geprüft: September 2026. Beträge, Fristen und Empfehlungen werden jährlich nachgesehen.