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Familie · Lesen lernen

Wie schnell soll ein Kind lesen können?

Die Richtwerte für Wörter pro Minute – und was sie über ein Kind aussagen und was nicht.

Ein aufgeschlagenes Lesebuch auf einem Schulpult von oben, unter einer Zeile liegt ein Kartonstreifen, daneben steht eine halb durchgelaufene Sanduhr und quer auf der Seite ein Bleistift.
Wörter pro Minute sind ein Hinweis, kein Urteil – gemessen wird für eine Entscheidung, nicht für ein Zeugnis.

In der 2. Schulstufe liest ein durchschnittliches Kind 80 bis 90 Wörter pro Minute laut vor, ein sehr gutes rund 115. In der 4. Schulstufe sind es 130 bis 140 beziehungsweise 165 Wörter. Ab etwa 100 Wörtern pro Minute spricht die Lesedidaktik von flüssigem Lesen.

Diese Zahlen stammen aus der Arbeit von Cornelia Rosebrock, Andreas Gold, Daniel Nix und Carola Rieckmann und sind die am häufigsten zitierten Richtwerte im deutschsprachigen Raum.

Was sie aussagen und was nicht, wie Eltern selbst messen und was ein deutlich niedrigerer Wert bedeutet, steht hier. Der ganze Weg zum flüssigen Lesen ist unter Lesen lernen beschrieben.

Warum das Tempo überhaupt zählt

Lesegeschwindigkeit ist kein Selbstzweck und schon gar kein Wettbewerb. Sie ist ein Hilfsmaß für etwas, das sich nicht direkt beobachten lässt: wie weit das Erlesen automatisiert ist.

Solange ein Kind Buchstaben zu Wörtern zusammensetzen muss, bindet das seine gesamte Aufmerksamkeit, und für den Inhalt bleibt kaum Kapazität. Erst wenn das Erkennen von Wörtern ohne Nachdenken abläuft, wird Kopf frei für den Sinn.

Genau dieser Übergang lässt sich am Tempo ablesen. Ein Kind, das langsam liest, versteht nicht deshalb wenig, weil es unaufmerksam wäre, sondern weil die Technik noch alles verbraucht.

Die Richtwerte im Überblick

Die folgende Übersicht fasst zusammen, was an belastbaren Zahlen vorliegt. Gemessen wird jeweils lautes Vorlesen aus einem unbekannten Text über eine Minute.

KennwertWertWoher die Zahl stammt
2. Schulstufe, Durchschnitt80 bis 90 Wörter pro MinuteRosebrock, Gold, Nix und Rieckmann, 2011
2. Schulstufe, sehr gute Leser115 Wörter pro MinuteRosebrock, Gold, Nix und Rieckmann, 2011
4. Schulstufe, Durchschnitt130 bis 140 Wörter pro MinuteRosebrock, Gold, Nix und Rieckmann, 2011
4. Schulstufe, sehr gute Leser165 Wörter pro MinuteRosebrock, Gold, Nix und Rieckmann, 2011
Schwelle zum flüssigen Lesenab etwa 100 Wörter pro MinuteBiSS-Transfer
Nötige Lesegenauigkeitmindestens 95 Prozent richtigBiSS-Transfer
Erzählender Text verstehend lesbarab 100 Wörter, höchstens 5 FehlerBildungsdirektion Steiermark

Warum es für die 1. und 3. Schulstufe keine Zahlen gibt

Auffällig an jeder seriösen Übersicht ist, dass sie Werte für die zweite und vierte Schulstufe nennt und die dazwischen auslässt. Der Grund liegt nicht in Nachlässigkeit, sondern in der Streuung.

In der ersten Schulstufe unterscheiden sich Kinder so stark, dass ein Mittelwert nichts aussagt: Manche lesen im Mai flüssig, andere lautieren noch jedes Wort, und beides liegt im normalen Bereich. Ein Richtwert würde dort mehr Sorge erzeugen als Orientierung geben.

Für die dritte Schulstufe gilt Ähnliches in abgeschwächter Form. Wer einen Anhaltspunkt braucht, nimmt die Werte der Nachbarstufen und rechnet damit, dass ein Kind irgendwo dazwischen liegt.

Wie man selbst misst

Das Verfahren heißt Lautleseprotokoll und dauert eine Minute. Das Kind liest laut aus einem Text, den es nicht kennt; mitgelesen wird still im selben Text, und nicht korrigierte Fehler werden markiert. Nach sechzig Sekunden wird die erreichte Stelle notiert.

Gezählt werden anschließend die gelesenen Wörter und die Fehler. Aus beidem ergibt sich neben dem Tempo auch die Genauigkeit – der Anteil richtig gelesener Wörter an allen gelesenen.

Wichtig ist ein unbekannter Text. Kinder merken sich Texte erstaunlich gut und tragen sie auswendig vor, was wie flüssiges Lesen klingt, aber keines ist.

Einmal im Monat, immer im selben Heft. Der Einzelwert sagt wenig, der Verlauf über ein halbes Jahr sagt alles. Wer Datum, Wortzahl und Fehler notiert, sieht eine Entwicklung, die im Alltag unsichtbar bleibt – und hat für ein Gespräch mit der Lehrperson eine Beobachtung statt eines Eindrucks.

Was der Wert nicht sagt

Ein Tempowert für sich allein ist wertlos, weil er sich leicht auf Kosten von etwas anderem erhöhen lässt. Ein Kind, das schnell liest und dabei Wörter errät, liest nicht besser, sondern schlechter.

Mitgemessen gehört deshalb immer die Genauigkeit. Unter 95 Prozent richtig gelesener Wörter bricht das Verständnis ein, egal wie hoch das Tempo ist. Wie sich Raten erkennen lässt, steht in Wenn das Kind Wörter errät.

Nichts sagt der Wert außerdem über Betonung und Sinnentnahme. Ein Kind kann 140 Wörter pro Minute monoton herunterlesen und trotzdem nicht sagen, worum es ging – die dritte Dimension der Leseflüssigkeit lässt sich nicht zählen, nur hören.

Was die Schule in Österreich misst

In österreichischen Schulen kommt üblicherweise das Salzburger Lese-Screening zum Einsatz, in der Volksschule meist in der ersten und dritten Schulstufe. Es dauert rund drei Minuten und läuft anders als das Lautleseprotokoll: Die Kinder lesen still kurze Sätze und beurteilen, ob die Aussage stimmt.

Das Ergebnis wird als Lesequotient ausgewiesen, also nicht als Wörter pro Minute, sondern als Abweichung vom Durchschnitt einer Vergleichsgruppe. Ein Lesequotient von 100 entspricht dem Mittelwert.

Vergleichen lassen sich die beiden Werte nicht. Wer aus der Schule einen Lesequotienten bekommt und zu Hause Wörter pro Minute zählt, hat zwei Maße für dasselbe, aber keine Umrechnung dazwischen.

Wenn das Tempo deutlich darunter liegt

Ein einzelner niedriger Wert bedeutet wenig. Aussagekräftig wird es, wenn ein Kind über Monate hinweg deutlich unter dem Richtwert seiner Schulstufe bleibt und sich der Wert kaum verändert.

Wirksam ist dann nicht mehr Lesemenge am schweren Text, sondern wiederholtes lautes Lesen an einem deutlich leichteren. Den konkreten Ablauf beschreibt Lesen üben ohne Streit.

Bleibt der Wert über ein ganzes Schuljahr trotz regelmäßiger Übung stehen, gehört das Gespräch mit der Lehrperson dazu und von dort der Weg zur Schulpsychologie. Mehr dazu in Legasthenie und LRS in Österreich.

Warum man dem Kind die Zahl nicht zeigt

Der Wert ist ein Werkzeug für Erwachsene. Sobald ein Kind ihn kennt, wird aus dem Lesen eine Prüfung mit Punktestand, und genau das ist der zuverlässigste Weg, ein Kind vom Lesen wegzubringen.

Besonders ungünstig wirkt der Vergleich mit Geschwistern oder Klassenkameraden. Kinder ziehen aus einer Zahl sehr schnell einen Schluss über sich selbst, und dieser Schluss hält länger als jeder Übungserfolg.

Brauchbar ist stattdessen die Beobachtung ohne Zahl: „Beim zweiten Mal ging es schon viel schneller.“ Sie sagt dasselbe, ohne eine Messlatte aufzustellen.

Angaben geprüft: September 2026. Beträge, Fristen und Empfehlungen werden jährlich nachgesehen.

Häufige Fragen

Häufige Fragen zum Thema

Wie viele Wörter pro Minute liest ein Kind in der 2. Klasse?
In der 2. Schulstufe liest ein durchschnittliches Kind 80 bis 90 Wörter pro Minute laut aus einem unbekannten Text, ein sehr gutes rund 115. Die Zahlen stammen aus der Arbeit von Cornelia Rosebrock, Andreas Gold, Daniel Nix und Carola Rieckmann und sind die am häufigsten zitierten Richtwerte im deutschsprachigen Raum. Wichtig ist, was mitzählt: Die Lesegenauigkeit sollte bei mindestens 95 Prozent liegen, sonst bricht das Verständnis ein, egal wie hoch das Tempo ausfällt. Ein Kind, das schnell liest und dabei Wörter errät, liest nicht besser, sondern schlechter. Aussagekräftig ist außerdem nicht der Einzelwert, sondern der Verlauf über mehrere Monate hinweg. Für die erste und dritte Schulstufe gibt es übrigens keine gleichwertig belastbaren Richtwerte, weil die Kinder dort zu unterschiedlich weit sind, als dass ein Mittelwert etwas aussagen würde.
Wie schnell liest ein Kind in der 4. Klasse?
In der 4. Schulstufe liegt der Durchschnitt bei 130 bis 140 Wörtern pro Minute, sehr gute Leserinnen und Leser erreichen rund 165. Damit hat sich das Tempo gegenüber der zweiten Schulstufe etwa verdoppelt – ein Zuwachs, der nicht aus mehr Anstrengung entsteht, sondern aus Automatisierung: Immer mehr Wörter werden auf einen Blick erkannt, statt Buchstabe für Buchstabe erlesen zu werden. Als Endziel gilt flüssiges Lesen bei rund 150 Wörtern pro Minute, das viele Kinder gegen Ende der Volksschulzeit erreichen. Gemessen wird immer lautes Vorlesen aus einem Text, den das Kind nicht kennt, über genau eine Minute. Ein niedrigerer Wert bedeutet für sich genommen wenig: Aussagekräftig wird es erst, wenn ein Kind über Monate hinweg deutlich unter dem Richtwert bleibt und sich daran kaum etwas ändert. Tagesform und Textschwierigkeit spielen bei jeder einzelnen Messung stark hinein.
Ab wie vielen Wörtern pro Minute liest ein Kind flüssig?
Etwa 100 Wörter pro Minute markieren nach BiSS-Transfer den Übergang zum flüssigen Lesen. Die Bildungsdirektion für Steiermark ergänzt die zweite Bedingung: Ab 100 Wörtern pro Minute und bei höchstens fünf Lesefehlern kann ein erzählender Text verstehend gelesen werden. Beide Angaben zusammen sind aussagekräftiger als jede Tempozahl allein, denn Geschwindigkeit lässt sich leicht auf Kosten der Genauigkeit erhöhen. Erreicht wird die Schwelle bei den meisten Kindern im Lauf der zweiten und dritten Schulstufe. Was danach folgt, ist kein neuer Sprung mehr, sondern ein allmähliches Wachsen bis zu den rund 150 Wörtern pro Minute, die als flüssiges Lesen gelten. Was der Wert nicht erfasst, ist die dritte Dimension der Leseflüssigkeit: die Betonung. Ein Kind kann 140 Wörter pro Minute monoton herunterlesen und trotzdem nicht sagen, worum es ging – das lässt sich nicht zählen, nur hören.
Wie messe ich das Lesetempo meines Kindes?
Mit einem Lautleseprotokoll, und das dauert eine Minute. Das Kind liest laut aus einem Text, den es nicht kennt; man liest still im selben Text mit und markiert die Fehler, die nicht von selbst korrigiert werden. Nach sechzig Sekunden wird die erreichte Stelle notiert, anschließend werden die gelesenen Wörter und die Fehler gezählt. Daraus ergeben sich Tempo und Genauigkeit, also der Anteil richtig gelesener Wörter. Entscheidend ist der unbekannte Text: Kinder merken sich Texte erstaunlich gut und tragen sie auswendig vor, was wie flüssiges Lesen klingt, aber keines ist. Sinnvoll ist, die Messung einmal im Monat zu wiederholen und in dasselbe Heft zu schreiben. Der Einzelwert sagt dabei wenig, der Verlauf über ein halbes Jahr sagt alles – und für ein Gespräch mit der Lehrperson ist ein Heft mit Datum, Wortzahl und Fehlern eine Beobachtung statt eines bloßen Eindrucks.
Warum gibt es keine Richtwerte für die 1. und 3. Schulstufe?
Weil die Streuung dort zu groß ist, als dass ein Mittelwert etwas aussagen würde. In der ersten Schulstufe unterscheiden sich Kinder so stark, dass ein Richtwert mehr Sorge erzeugen als Orientierung geben würde: Manche lesen im Mai bereits flüssig, andere lautieren noch jedes einzelne Wort, und beides liegt im normalen Bereich. Für die dritte Schulstufe gilt dasselbe in abgeschwächter Form. Wer trotzdem einen Anhaltspunkt braucht, nimmt die Werte der Nachbarstufen und rechnet damit, dass ein Kind irgendwo dazwischen liegt. Aussagekräftiger als jeder Vergleich mit einer Norm ist ohnehin die eigene Entwicklung des Kindes über mehrere Monate hinweg. Die Richtwerte für die zweite Schulstufe liegen bei 80 bis 90 Wörtern pro Minute im Durchschnitt und 115 bei sehr guten Lesern, jene für die vierte bei 130 bis 140 beziehungsweise 165.
Was misst das Salzburger Lese-Screening?
Das Salzburger Lese-Screening prüft die basale Lesefertigkeit und kommt in österreichischen Volksschulen üblicherweise in der ersten und dritten Schulstufe zum Einsatz. Es dauert rund drei Minuten und läuft anders als ein Lautleseprotokoll: Die Kinder lesen still kurze Sätze und beurteilen, ob die jeweilige Aussage stimmt. Das Ergebnis wird nicht in Wörtern pro Minute ausgewiesen, sondern als Lesequotient, also als Abweichung vom Durchschnitt einer Vergleichsgruppe; ein Wert von 100 entspricht dem Mittelwert. Umrechnen lassen sich die beiden Maße nicht. Wer aus der Schule einen Lesequotienten bekommt und zu Hause Wörter zählt, hat zwei Sichtweisen auf dieselbe Sache, aber keine gemeinsame Skala. Beide Verfahren haben denselben Zweck und denselben Haken: Sie sagen etwas über die Lesetechnik und nichts über das Textverständnis oder darüber, ob ein Kind gerne liest.
Mein Kind liest langsamer als der Richtwert – was nun?
Ein einzelner niedriger Wert bedeutet wenig, weil Tagesform, Textschwierigkeit und Nervosität stark hineinspielen. Aussagekräftig wird es, wenn ein Kind über Monate hinweg deutlich unter dem Richtwert seiner Schulstufe bleibt und sich der Wert kaum verändert. Wirksam ist dann nicht mehr Lesemenge am schweren Text, sondern wiederholtes lautes Lesen an einem deutlich leichteren – derselbe kurze Abschnitt an mehreren Tagen, gemeinsam gelesen und ohne Bewertung. Bleibt der Wert über ein ganzes Schuljahr trotz regelmäßiger Übung stehen, gehört das Gespräch mit der Lehrperson dazu und von dort der Weg zur Schulpsychologie der Bildungsdirektion. Eine Abklärung ist dabei kein Urteil über das Kind, sondern der Versuch, die passende Hilfe zu finden, bevor weitere Jahre mit Übungen vergehen, die am eigentlichen Problem vorbeigehen.
Soll ich meinem Kind sagen, wie schnell es liest?
Besser nicht. Der Wert ist ein Werkzeug für Erwachsene, und sobald ein Kind ihn kennt, wird aus dem Lesen eine Prüfung mit Punktestand – der zuverlässigste Weg, ein Kind vom Lesen wegzubringen. Besonders ungünstig wirkt der Vergleich mit Geschwistern oder Klassenkameraden, denn Kinder ziehen aus einer Zahl sehr schnell einen Schluss über sich selbst, und dieser Schluss hält länger als jeder Übungserfolg. Brauchbar ist stattdessen die Beobachtung ohne Zahl, etwa der Satz: „Beim zweiten Mal ging es schon viel schneller.“ Sie sagt inhaltlich dasselbe, stellt aber keine Messlatte auf, an der das Kind sich künftig selbst misst. Wer den Wert dennoch mitteilen möchte, etwa bei einem älteren Kind, das selbst danach fragt, ordnet ihn am besten gleich ein: als Momentaufnahme einer Technik, die sich noch entwickelt, und nicht als Note.
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