Ellie hatte es versprochen. Richtig versprochen, mit Handschlag, am Kristallsee, am Sonntag: „Am Mittwoch nach dem Mittagessen. Ich komme und helfe dir. Ehrenwort.“
Igebitz wollte nämlich das Dach seines Häuschens ausbessern. Im letzten Sturm hatte sich ein Stück Rinde gelöst, und wenn es regnete, tropfte es genau auf sein Kissen. Allein kam er an die Stelle nicht heran. Ellie schon – Ellie kam überall hin.
Am Mittwoch nach dem Mittagessen stand Igebitz also vor der alten Eiche, ein Bündel Rinde unter dem Arm, und wartete.
Er wartete eine Stunde. Dann noch eine. Dann setzte er sich hin. Die Sonne wanderte über den Waldboden, und irgendwann war sie hinter den Tannen, und das Bündel Rinde lag immer noch unangetastet im Gras.
Ellie hatte den Mittwoch vergessen.
Sie hatte ihn nicht mit Absicht vergessen. Sie hatte am Vormittag angefangen, aus einer Astgabel und zwei Grashalmen etwas zu bauen, von dem sie selbst noch nicht genau wusste, was es werden sollte, und als sie das nächste Mal aufsah, war es Abend. So ist das manchmal bei Ellie.
Am Donnerstag trafen sie sich am Weg zum Kristallsee.
„Hallo!“, rief Ellie fröhlich.
Igebitz sagte nichts.
„Was ist denn los?“
„Du weißt schon, was los ist“, sagte Igebitz und ging weiter.
Und da machte Ellie den Fehler, den man in solchen Momenten so leicht macht. Sie sagte: „Ach, das mit dem Dach! Tut mir leid. Aber jetzt sei nicht gleich beleidigt, das war doch nicht so wichtig.“
Igebitz blieb stehen. „Es hat heute Nacht geregnet“, sagte er. „Mein Kissen ist nass. Und ich habe vier Stunden gewartet.“
„Dann mach ich es eben morgen!“
„Das hast du für Mittwoch auch gesagt.“
Danach sagten beide noch ein paar Sätze, die schneller herauskamen, als sie gedacht waren, und dann drehten sie sich um und gingen in verschiedene Richtungen davon.
Ellie kletterte in ihr Baumhaus und war wütend. Erst auf Igebitz, weil er so stur war. Dann auf sich selbst, weil sie insgeheim wusste, dass er recht hatte. Wut auf einen selbst ist die unangenehmste Sorte Wut, weil man ihr nicht weglaufen kann.
Igebitz saß in seinem Häuschen auf einem feuchten Kissen und war traurig. Nicht wegen des Kissens. Wegen der vier Stunden.
Am Freitagmorgen stand Ellie vor der alten Eiche. Sie hatte lange überlegt, was sie sagen würde, und alle Sätze, die mit „Aber“ weitergingen, hatte sie wieder weggeworfen. Übrig geblieben waren drei kurze.
Igebitz öffnete die Tür.
„Ich habe unseren Mittwoch vergessen“, sagte Ellie. „Du hast vier Stunden gewartet, und dein Kissen ist nass geworden. Das tut mir leid.“
Sie sagte kein „aber“. Sie sagte auch nicht, dass sie schließlich gebastelt hatte. Sie sagte nur, was passiert war, und dass es ihr leidtat.
Igebitz schaute sie an. Dann trat er einen Schritt zur Seite. „Das Bündel Rinde liegt noch im Gras“, sagte er.
Sie brauchten den ganzen Vormittag. Ellie kletterte, Igebitz reichte hinauf, zweimal fiel ein Stück Rinde herunter und einmal fast Ellie. Am Ende war das Dach dicht, und sie saßen nebeneinander auf der Wurzel der alten Eiche und aßen Haselnüsse.
„Ich vergesse Sachen“, sagte Ellie nach einer Weile. „Das passiert mir wieder.“
„Ich weiß“, sagte Igebitz.
„Und dann?“
Igebitz überlegte. „Dann sagst du es mir vorher. Nicht danach.“
Ellie nickte. Und weil sie eine gute Idee brauchte, um sich besser zu fühlen, knotete sie sich am nächsten Tag einen roten Grashalm um das Handgelenk, immer dann, wenn sie etwas versprochen hatte. Sie vergaß trotzdem noch Dinge. Aber deutlich weniger.
Streit gehört zur Freundschaft dazu – auch zwischen Freunden, die sich sehr mögen. Wichtig ist nicht, dass man sich nie streitet. Wichtig ist, was man sagt, wenn man wieder zueinander will.