Frido war der beste Schwimmer im ganzen Smaragdwald. Das muss man gleich zu Anfang sagen, damit man ihn richtig versteht. Kein anderer tauchte so tief, keiner sprang so weit von der steinernen Brücke, und niemand kannte den Teich so gut wie er – jede Seerose, jeden Stein, jede kühle Stelle am Grund.
Frido war aber auch der Frosch, der am leichtesten erschrak. Bei einem Knacken im Gebüsch. Bei einem Schatten, der plötzlich über das Wasser huschte. Einmal war er vor einem Schmetterling ins Schilf gesprungen, und Ellie erinnerte ihn seitdem ungefähr einmal pro Woche daran.
An einem Dienstagabend, als die Sonne schon tief stand, sah Frido es.
Drüben, am anderen Ufer, dort wo das Schilf am dichtesten steht, lag etwas im Wasser. Etwas Großes. Etwas Dunkles. Es bewegte sich ein kleines bisschen, ganz langsam, hin und her, hin und her.
Frido machte einen Satz nach hinten, landete im Gras und blieb dort liegen, bis es dunkel war.
Am nächsten Tag ging er nicht schwimmen. Er sagte, er habe keine Lust. Am Tag darauf ging er wieder nicht schwimmen. Er sagte, das Wasser sei zu kalt, obwohl es Juli war. Am dritten Tag saß er am Ufer, die Beine im Gras, und schaute hinüber zum Schilf, wo das Dunkle immer noch lag und sich immer noch ganz langsam bewegte.
So fand ihn Igebitz.
„Du bist seit drei Tagen nicht im Wasser“, sagte Igebitz und setzte sich neben ihn.
„Da ist etwas“, sagte Frido. „Im Schilf.“
„Was denn?“
„Das ist ja das Problem“, sagte Frido unglücklich. „Ich weiß es nicht. Und je länger ich nicht weiß, was es ist, desto größer wird es.“
Igebitz nickte langsam. Er kannte das. Bei ihm war es die Dunkelheit: Solange er nicht wusste, was im Dunkeln war, war alles darin. „Weißt du“, sagte er, „ich glaube, Angst wird nicht kleiner, wenn man wartet. Ich glaube, sie wird nur kleiner, wenn man hinschaut.“
„Und wenn da wirklich etwas ist?“
„Dann weißt du wenigstens, was.“ Igebitz stand auf. „Und dann sind wir zu zweit.“
Sie warteten bis zum nächsten Morgen, weil bei Tageslicht alles ein bisschen leichter ist. Ellie kam auch mit, obwohl sie behauptete, sie wolle nur zusehen. Sie nahm trotzdem ihre Steinschleuder mit, was Frido heimlich sehr beruhigend fand.
Dann ging Frido ins Wasser.
Er schwamm langsam, viel langsamer als sonst. Das Wasser war klar und warm. Nach der Hälfte blieb er stehen und drehte sich um. Igebitz stand am Ufer und hob eine Pfote. Frido schwamm weiter.
Und dann war er da, im Schilf, und sah es.
Es war ein Ast. Ein großer, alter Weidenast, den der Sturm im Frühjahr ins Wasser geworfen hatte. Er lag halb unter der Oberfläche, mit Schlingpflanzen bewachsen, und wenn eine Welle kam, bewegte er sich ein kleines bisschen, ganz langsam, hin und her.
Frido starrte ihn an. Drei Tage lang hatte er nicht geschwommen. Wegen eines Astes.
Er wollte gerade laut hinüberrufen, wie albern das alles sei – da sah er, dass sich unter dem Ast etwas bewegte. Etwas Winziges. Und dann noch etwas. Und noch etwas.
Zwischen den Wurzeln des Astes, im geschützten Schatten, wimmelte es von Kaulquappen. Hunderte. Vielleicht tausend. Sie hatten sich genau dort eingerichtet, wo kein Fisch hinkam und kein Reiher hinsah.
Frido schwamm ganz vorsichtig zurück ans Ufer.
„Und?“, rief Ellie. „Was war es?“
„Ein Ast“, sagte Frido. Dann machte er eine Pause. „Und ungefähr tausend Kinder.“
Von diesem Tag an schwamm Frido jeden Morgen zum Schilf hinüber, um nachzusehen, ob bei den Kleinen alles in Ordnung war. Er nannte die Stelle „die Kinderstube“ und passte sehr genau auf, dass niemand mit den Beinen hineinplatschte.
Und wenn Ellie ihn mit dem Schmetterling aufzog, sagte Frido inzwischen ganz gelassen: „Ich erschrecke immer noch leicht. Aber ich schaue jetzt hin.“
Und das, muss man sagen, ist eigentlich genau das, was Mut bedeutet.