Es war eine dieser Nächte, in denen der Smaragdwald ganz still ist und der Himmel ganz wach. Igebitz konnte nicht schlafen – das kam bei ihm vor – und war deshalb hinunter zum Kristallsee gegangen, weil man dort gut sitzen und nichts tun kann.
Er war fast am Ufer, als er stehen blieb.
Im See lag der Mond.
Nicht am Himmel. Im See. Er lag ganz ruhig auf dem Wasser, rund und weiß und ein bisschen wackelig an den Rändern, ungefähr zehn Igelschritte vom Ufer entfernt.
Igebitz sah nach oben. Am Himmel war der Mond nicht mehr da, wo er vorhin gewesen war – zumindest war Igebitz sich ziemlich sicher, und in solchen Momenten ist man sich sehr schnell sehr sicher.
„Er ist hineingefallen“, flüsterte Igebitz.
Er rannte den ganzen Weg zum Baumhaus. Ellie war nicht begeistert, geweckt zu werden, kam aber mit, als sie das Wort „Mond“ hörte, denn Ellie kommt bei allem mit, wovon sie später erzählen kann.
Am Ufer standen sie nebeneinander und sahen hinaus.
„Der ist wirklich da“, sagte Ellie.
„Wir müssen ihn rausholen“, sagte Igebitz. „Sonst wird es nie wieder richtig hell in der Nacht.“
Sie versuchten es mit einem langen Ast. Der Ast fuhr mitten durch den Mond hindurch, der Mond zerbrach in tausend zitternde Stücke – und setzte sich, sobald das Wasser ruhig war, wieder zusammen.
Sie versuchten es mit Ellies Körbchen. Ellie schöpfte Wasser, hob das Körbchen hoch, sah hinein: kein Mond. Nur Wasser.
Sie versuchten es mit Frido, den sie kurzerhand aus dem Teich holten. Frido tauchte an die Stelle, blieb lange unten und kam schnaufend wieder hoch. „Da ist nichts“, sagte er. „Da ist nur Grund.“
„Aber er liegt doch da!“, rief Igebitz und zeigte hin. Und tatsächlich: Der Mond lag da, ruhig und rund, genau wie vorher.
In diesem Moment kam ein warmer, goldener Schein den Weg herunter. Es war Tramiel, der Troll aus Luminosa, dessen Leuchtpilzkette in der Dunkelheit sanft schimmerte.
„Ihr seid spät wach“, sagte er.
„Der Mond ist in den See gefallen“, sagte Igebitz. „Und wir kriegen ihn nicht raus.“
Tramiel schaute auf das Wasser. Dann setzte er sich ins Gras und klopfte neben sich. „Setzt euch einmal hierher“, sagte er. „Ganz hierher, neben mich.“
Sie setzten sich. Und von dieser Stelle aus lag der Mond plötzlich woanders – weiter links, näher am Schilf.
„Er ist weggeschwommen!“, rief Ellie.
„Steh auf und geh drei Schritte nach rechts“, sagte Tramiel.
Ellie ging drei Schritte nach rechts. Der Mond ging mit.
„Er verfolgt mich“, sagte Ellie, und sie klang nicht ganz unbeeindruckt.
Tramiel lachte leise. Dann nahm er einen einzelnen Leuchtpilz von seiner Kette und legte ihn ins Gras, dicht am Ufer. Im Wasser erschien sofort ein zweiter Leuchtpilz, genauso golden, genauso rund.
„Habe ich jetzt zwei?“, fragte Tramiel.
Igebitz sah den Pilz im Gras an. Dann den im Wasser. Dann wieder den im Gras.
„Nein“, sagte er langsam. „Du hast einen. Und der See … zeigt ihn her.“
„Genau“, sagte Tramiel. „Stilles Wasser ist wie ein Spiegel. Es behält nichts. Es zeigt nur, was über ihm ist. Der Mond ist dort, wo er immer war.“
Alle drei legten den Kopf in den Nacken. Und da stand er, ein Stück weiter gewandert als vorher, klar und ruhig über den Tannenspitzen.
Igebitz war einen Moment lang ein kleines bisschen enttäuscht. Er hatte einen Mond retten wollen, und nun gab es nichts zu retten.
Dann sah er wieder ins Wasser, wo der Mond ruhig lag, und in dem sich jetzt auch die Tannen spiegelten und die Sterne und ganz am Rand ein kleiner Igel mit aufgestellten Stacheln.
„Tramiel“, sagte er. „Der ganze Himmel passt hier hinein.“
„Ja“, sagte Tramiel. „Jede klare Nacht.“
Sie blieben noch lange sitzen. Und wenn du das nächste Mal an einer Pfütze vorbeikommst, dann bleib kurz stehen und schau hinein. Wenn das Wasser still ist, liegt der ganze Himmel darin – und du mittendrin.