Der Smaragdwald hatte die Farbe gewechselt. Aus dem satten Grün des Sommers war ein Durcheinander aus Gelb, Rot und Braun geworden, die Luft roch morgens nach kaltem Nebel, und wenn man in der Früh über die Wiese lief, hinterließ man Spuren im Reif.
Igebitz hatte keine Zeit.
Er hatte seit Tagen keine Zeit. Er lief hin und her, immer denselben Weg: von der Hecke hinter der alten Eiche zu der Stelle unter dem umgestürzten Baumstamm, und zurück, und wieder hin. Jedes Mal trug er Blätter. Manchmal so viele, dass man von ihm nur noch ein wanderndes Laubhäufchen sah.
„Kommst du mit zum See?“, rief Ellie vom Ast herunter.
„Keine Zeit“, sagte das Laubhäufchen und lief weiter.
„Wir wollten doch Kastanien sammeln!“, rief Frido am nächsten Tag.
„Keine Zeit“, sagte das Laubhäufchen.
Am dritten Tag stellte Brummel sich ihm einfach in den Weg. Das ist bei einem Bären eine sehr wirksame Methode.
„Igebitz“, sagte Brummel. „Was machst du da eigentlich?“
Igebitz setzte seinen Blätterstapel ab und schnaufte. „Ich baue mein Winterbett“, sagte er.
Die drei sahen ihn an.
„Dein was?“, sagte Ellie.
Also setzten sie sich alle unter den umgestürzten Baumstamm, und Igebitz erklärte es.
„Wenn es richtig kalt wird“, sagte er, „gibt es für mich nichts mehr zu fressen. Keine Käfer. Keine Würmer. Keine Schnecken. Gar nichts. Ihr habt es da leichter: Ellie hat ihre Vorräte, Brummel hat seine Höhle und seinen Honig, Frido gräbt sich ein. Aber ich – ich schlafe den ganzen Winter durch.“
„Den ganzen?“, sagte Frido.
„Den ganzen. Ungefähr von November bis in den Frühling hinein. Erst wenn es draußen wieder warm wird, wache ich auf.“
„Und wovon lebst du dann?“, fragte Brummel, für den das die wichtigste aller Fragen war.
„Von dem, was ich jetzt esse“, sagte Igebitz. „Deshalb futtere ich im Herbst so viel. Ich muss dick genug sein, bevor es kalt wird. Wer zu dünn ist, wacht nicht mehr auf.“
Es wurde für einen Moment sehr still unter dem Baumstamm.
„Und das Laub?“, fragte Ellie leise.
„Das Laub ist die Decke“, sagte Igebitz. „Ich brauche einen Haufen, der dicht genug ist, dass der Frost nicht durchkommt, und trocken genug, dass er nicht fault. Da drin rolle ich mich zusammen. Mein Herz wird ganz langsam, mein Atem auch. Ich merke fast nichts mehr.“
Brummel schaute auf den Laubhaufen, der ihm plötzlich sehr klein vorkam. „Sollen wir dir helfen?“
Und so wurde aus einem Igel, der Blätter schleppte, ein Trupp aus vier Freunden, der Blätter schleppte. Ellie warf sie von oben herunter, was doppelt so schnell ging und viermal so lustig war. Brummel trug ganze Armvoll. Frido war weniger nützlich, weil nasses Laub an ihm kleben blieb, aber er gab sich Mühe.
Am Abend war der Haufen so groß, dass Igebitz zufrieden nickte.
„Eine Sache noch“, sagte er. „Wenn ich einmal drin bin: Nicht aufmachen. Nicht nachschauen, ob es mir gut geht. Nicht wecken, auch nicht an einem warmen Tag im Jänner. Jedes Aufwachen kostet mich Kraft, die ich im Frühling brauche.“
„Auch nicht kurz?“, fragte Ellie.
„Auch nicht kurz.“
Ellie seufzte tief. „Das wird das Schwerste, was ich je gemacht habe.“
In der Nacht darauf kam der erste richtige Frost. Igebitz kroch in seinen Haufen, drehte sich dreimal im Kreis, wie er es immer tat, und rollte sich zusammen.
Draußen wurde es Winter. Der Kristallsee bekam einen Rand aus Eis. Schnee legte sich über den Smaragdwald, und über Igebitz’ Laubhaufen lag eine glatte weiße Haube, an der niemand kratzte.
Ellie kam trotzdem manchmal vorbei. Sie setzte sich in den Schnee daneben, sagte leise „Alles gut bei dir?“, wartete auf keine Antwort und ging wieder.
Und dann, viele Wochen später, an einem Morgen, an dem die Sonne zum ersten Mal wieder wärmte und es von den Ästen tropfte, raschelte es unter dem Laub.
„IGEBITZ IST WACH!“, schrie Ellie so laut, dass am Kristallsee ein Schwarm Vögel aufflog.
Igebitz streckte die Nase heraus, blinzelte in das helle Licht und sagte als Allererstes: „Ich habe Hunger.“