Im Smaragdwald war es still geworden. Die Sonne war längst hinter den hohen Tannen versunken, der Wind hatte sich in die Farnblätter gelegt und war dort eingeschlafen, und über den Wipfeln stand ein schmaler, silberner Mond. In seinem Häuschen im Stamm der alten Eiche lag der kleine Igel Igebitz unter seiner Decke – und war hellwach.
Dabei hatte er wirklich alles richtig gemacht. Er hatte seine Stacheln geputzt, bis sie glänzten. Er hatte die Decke glattgezogen, dreimal, bis keine einzige Falte mehr da war. Er hatte sogar ganz tief ein- und ausgeatmet, so wie Brummel es ihm einmal gezeigt hatte. Und trotzdem wollten die Augen einfach nicht zubleiben.
Das lag an den Gedanken. Die Gedanken hatten an diesem Abend offenbar beschlossen, dass sie noch überhaupt keine Lust auf Schlaf hatten. Sie hüpften in Igebitz’ Kopf herum wie eine Handvoll junger Eichhörnchen. „Ob der Wunschsee morgen früh wohl gefroren ist?“, sprang der erste. „Habe ich Ellie heute eigentlich zurückgewinkt?“, sprang der zweite. Und der dritte, der allerlauteste, rief immer nur: „Wo ist mein zweiter Handschuh?“
Igebitz setzte sich auf. „So geht das nicht“, murmelte er. Er trank einen Schluck Wasser. Er drehte das Kissen auf die kühle Seite. Er legte sich auf die linke Seite, dann auf die rechte, dann auf den Rücken, was bei einem Igel gar nicht so bequem ist. Die Gedanken hüpften weiter.
Also schlüpfte Igebitz aus dem Bett, zog die Tür seines Häuschens auf und trat hinaus in die kühle Nacht. Das Gras war feucht. Die Luft roch nach Moos und nach Regen, der noch nicht gefallen war. Und über ihm, auf dem untersten Ast der alten Eiche, saß die weise Eule und sah ihn aus großen, ruhigen Augen an.
„Du bist spät wach, kleiner Igel“, sagte sie.
„Meine Gedanken wollen nicht schlafen“, sagte Igebitz. „Ich habe schon alles versucht.“
Die Eule schwieg einen Moment. Dann sagte sie: „Dann musst du sie ins Bett bringen. Einen nach dem anderen. So wie man kleine Kinder ins Bett bringt: nicht alle auf einmal, sondern jeden einzeln, und jedem sagt man gute Nacht.“
Igebitz legte den Kopf schief. „Wie soll das denn gehen?“
„Ganz einfach“, sagte die Eule. „Du nimmst einen Gedanken, schaust ihn dir an und sagst ihm: Ich habe dich gehört. Du darfst morgen wiederkommen. Und dann legst du ihn hin.“
Igebitz ging zurück in sein Häuschen, kroch unter die warme Decke und probierte es aus. Der lauteste Gedanke kam gleich als Erster angehüpft. „Wo ist mein zweiter Handschuh?“ – „Ich habe dich gehört“, flüsterte Igebitz. „Morgen früh suche ich ihn. Jetzt schlaf.“ Und tatsächlich: Der Gedanke wurde leiser und legte sich hin.
Dann kam der mit Ellie. „Ich habe dich gehört“, sagte Igebitz. „Morgen winke ich ihr zweimal, dann stimmt es wieder. Jetzt schlaf.“ Auch dieser Gedanke machte sich ganz klein und war still.
Der vom Wunschsee blieb am längsten wach, so wie es bei den Neugierigen eben ist. „Ich habe dich gehört“, sagte Igebitz. „Morgen gehen wir gemeinsam hin und schauen nach. Versprochen. Jetzt schlaf.“
Und als der letzte Gedanke sich hingelegt hatte, wurde es in Igebitz’ Kopf so still wie draußen im Wald. Er merkte, wie schwer seine Pfoten wurden. Wie warm die Decke war. Wie der Atem ganz von allein langsamer ging, ein und aus, ein und aus, wie kleine Wellen am Ufer des Wunschsees.
Draußen drehte die Eule leise den Kopf und sah zum Häuschen hinunter. Im Fenster war es dunkel. „Gut gemacht, kleiner Igel“, sagte sie und faltete die Flügel.
Und wenn deine Gedanken heute Abend auch noch hüpfen: Probier es aus. Nimm einen, hör ihm zu, sag ihm leise „Du darfst morgen wiederkommen“ – und dann leg ihn hin. Einen nach dem anderen. Schlaf gut.