Dass Buben weniger lesen, gilt als ausgemacht. Die Zahlen bestätigen einen Unterschied, aber er ist kleiner und anders gelagert, als die Erzählung vermuten lässt – und er betrifft vor allem eine Frage: nicht das Können, sondern die Lust.
Interessant ist außerdem die Bewegung. Der Abstand in Österreich ist nicht stabil, sondern hat sich in den letzten Erhebungen vergrößert, und zwar nicht, weil Mädchen besser wurden.
Dieser Beitrag nennt die Zahlen, ordnet sie ein und sagt, was zu Hause wirkt. Der Überblick steht unter Lesen lernen.
Was die Zahlen sagen
Die verlässlichste Quelle für die Volksschule ist PIRLS, die internationale Lesestudie am Ende der vierten Schulstufe. In der Erhebung 2021 erreichte Österreich 530 Punkte gegenüber einem internationalen Mittel von 503, und Mädchen erzielten dabei um 14 Punkte mehr als Buben.
Bemerkenswerter als der Abstand ist seine Entwicklung. Buben lagen 2021 um 15 Punkte unter ihrem eigenen Wert von 2016 – der gewachsene Unterschied entstand also nicht dadurch, dass Mädchen zulegten, sondern dadurch, dass Buben verloren.
Bestätigt wird das Muster von der nationalen Kompetenzerhebung. Über die Jahre 2023 bis 2025 erreichen oder übertreffen 59 Prozent der Kinder am Ende der vierten Schulstufe die Bildungsstandards im Lesen, und Mädchen liegen dabei vor den Buben, ebenso beim Verfassen von Texten.
| Befund | Zahl |
|---|---|
| Österreich in PIRLS 2021 | 530 Punkte (international 503) |
| Vorsprung der Mädchen | 14 Punkte |
| Buben gegenüber 2016 | 15 Punkte weniger |
| Schwache Leserinnen und Leser | 20 Prozent |
| Spitzengruppe | 7 Prozent |
| Bildungsstandards im Lesen erreicht (4. Schulstufe) | 59 Prozent |
14 Punkte: viel oder wenig?
Eine Punktzahl ohne Maßstab sagt nichts, deshalb zwei Vergleiche aus derselben Studie. Der Unterschied zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund beträgt in Österreich 52 Punkte, der Nachteil mehrsprachig aufwachsender Kinder 48 Punkte.
Gegen diese Werte gehalten sind 14 Punkte ein kleiner Unterschied. Das Geschlecht ist damit nicht der wichtigste Faktor für die Lesekompetenz eines Kindes, sondern einer der schwächeren.
Praktisch heißt das: Ein Bub, der nicht gut liest, liest nicht deshalb schlecht, weil er ein Bub ist. Wer den Abstand als Erklärung nimmt, hört an der Stelle auf zu suchen, an der man anfangen müsste.
Können oder wollen?
Auffällig ist, wo der Unterschied nicht auftritt. In der nationalen Erhebung liegen Buben in Mathematik vor den Mädchen, und beim Zuhören gibt es keinen bedeutsamen Unterschied – die Lücke betrifft also das Lesen und das Schreiben, nicht das sprachliche Verstehen überhaupt.
Dieser Befund verschiebt die Frage von der Fähigkeit zur Zuwendung. Lesen wird durch Lesen besser; wer weniger liest, bleibt langsamer, versteht weniger und liest deshalb noch weniger.
Am Anfang dieser Spirale steht keine Begabung, sondern eine Entscheidung darüber, wie man seine freie Zeit verbringt. Genau dort ist auch der Ansatzpunkt für Eltern.
Woher der Abstand kommt
Mehrere Erklärungen greifen zusammen, und keine allein trägt. Erstens das Angebot: Erzählende Kinderliteratur ist stark auf Beziehung, Innenleben und Alltag hin geschrieben, während Sachthemen, Humor, Tempo und Wettkampf seltener vorkommen – Muster, die einen Teil der Buben eher ansprechen.
Zweitens die Vorbilder. Vorgelesen wird in vielen Familien von Müttern, unterrichtet wird in der Volksschule fast ausschließlich von Frauen, und in der Bibliothek stehen überwiegend Frauen an der Theke. Ein Bub kann daraus schließen, dass Lesen etwas ist, was Frauen tun.
Drittens die Konkurrenz. Bildschirmangebote mit sofortiger Belohnung treffen bei Buben statistisch auf mehr Nutzungszeit, und die dort verbrachte Zeit fehlt beim Lesen. Der Einbruch um 15 Punkte seit 2016 fällt zeitlich mit dieser Verschiebung zusammen, was einen Zusammenhang nahelegt, aber nicht beweist.
Lesefreude: die Zahl, die alle betrifft
Eine PIRLS-Zahl wird in der Debatte über Buben regelmäßig übersehen: Nur 32 Prozent aller Kinder in Österreich geben an, viel Freude am Lesen zu haben. Zwei von drei Kindern lesen also ohne besonderes Vergnügen, unabhängig vom Geschlecht.
Damit ist die Lesefreude kein Buben-Thema, sondern ein allgemeines. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern liegt eher darin, wie sichtbar die fehlende Freude wird – Buben verweigern häufiger offen, Mädchen erledigen es eher pflichtgemäß.
Für Eltern folgt daraus eine nützliche Verschiebung des Ziels. Nicht »mein Sohn soll so viel lesen wie seine Schwester«, sondern »mein Kind soll etwas finden, das es freiwillig liest«.
| Befund aus PIRLS 2021 | Anteil |
|---|---|
| Viel Freude am Lesen | 32 Prozent |
| Hohes Leseselbstkonzept | 51 Prozent |
| Zur Risikogruppe zählend | 20 Prozent |
| Unter der untersten Kompetenzstufe | 4 Prozent |
Was zu Hause wirkt
Wirksam ist an erster Stelle der passende Stoff, und der Maßstab dafür ist nicht literarische Qualität, sondern freiwilliges Weiterlesen. Die Plattform boys & books, hinter der drei Hochschulen stehen, sammelt Titel nach diesem Kriterium und formuliert den Leitsatz so: Nur wer gerne liest, wird viel und dadurch besser lesen.
Bemerkenswert an derselben Quelle ist eine Unterscheidung. Leseflüssigkeit und Textverstehen lassen sich geschlechterübergreifend fördern; bei Lesemotivation und Lesefreude sollen entwicklungsspezifische Unterschiede berücksichtigt werden.
Praktisch heißt das: Beim Üben braucht es keine Buben-Methode, bei der Buchauswahl sehr wohl einen Blick darauf, was dieses Kind freiwillig aufschlägt.
| Statt | Besser |
|---|---|
| »Lies endlich ein richtiges Buch.« | Comic, Sachbuch, Fußballmagazin gelten auch |
| Ein Buch, weil es pädagogisch wertvoll ist | Ein Buch, das das Kind freiwillig weiterliest |
| Zwanzig Minuten am Stück | Zweimal sieben Minuten, dafür täglich |
| Die Mutter liest vor | Der Vater, Opa oder große Bruder liest vor |
| »Du liest zu wenig.« | »Ich lese das gerade. Magst du eine Seite?« |
| Nur Erzählungen | Anleitungen, Rekorde, Karten, Rätsel, Sachtexte |
Kurze Formate und Sachtexte
Ein verbreitetes Missverständnis betrifft das Format. Als Lesen zählt in vielen Familien nur der durchgehende Roman, während Sachtexte, Comics, Anleitungen, Spielregeln, Rezepte und Rekordlisten nicht mitgezählt werden.
Diese Zählweise schadet, weil sie bei Kindern, die gerne Kurzes und Faktisches lesen, den Eindruck erzeugt, sie würden nicht lesen. Fachlich ist das falsch: Leseflüssigkeit entsteht durch Wortmenge, gleich welcher Art.
Praktisch bewährt sich deshalb ein breites Angebot am Frühstückstisch und im Auto. Ein Buch mit Rekorden, ein Atlas, ein Comic und ein Magazin bringen in einer Woche oft mehr gelesene Wörter zusammen als ein Roman, der zäh vorangeht.
Wenn es nicht am Wollen liegt
Vor allen Motivationsfragen gehört eine andere Möglichkeit geprüft: dass das Lesen selbst noch zu anstrengend ist. Ein Kind, das pro Zeile arbeitet, hat am Inhalt nichts zu gewinnen und vermeidet folgerichtig.
Anhaltspunkte dafür sind stockendes Lesen über die zweite Schulstufe hinaus, Raten statt Lesen, Auslassen von Zeilen, auffällige Erschöpfung nach wenigen Minuten. In diesem Fall hilft keine Buchempfehlung, sondern Üben an der Flüssigkeit.
Wie sich Lesetempo einordnen lässt, steht unter Lesetempo nach Schulstufe; zur Abgrenzung einer Lese-Rechtschreib-Störung siehe Legasthenie und LRS in Österreich.
Was man sich nicht einreden soll
Zwei Sätze richten im Alltag Schaden an, und beide klingen harmlos. Der erste lautet, Buben lesen halt nicht – eine Entlastung für alle Beteiligten, die ein Kind bei 20 Prozent Risikogruppe teuer bezahlt.
Der zweite Satz lautet, das kommt schon noch. Zutreffen kann das, aber die Lesespirale läuft in beide Richtungen: Wer in der dritten Klasse wenig liest, liest in der vierten noch weniger, weil es schwerer geworden ist.
Angemessen ist zwischen beidem die nüchterne Haltung: kein Drama, aber eine Aufgabe. Zehn Minuten täglich mit dem richtigen Stoff verändern innerhalb eines Schuljahres mehr, als die Diskussion über Geschlechterunterschiede je verändern wird.
Angaben geprüft: September 2026. Beträge, Fristen und Empfehlungen werden jährlich nachgesehen.

